Ich bin die ganze Woche seit Weihnachten krank gewesen, habe mich aber für den letzten Jahrestag im Arbeitslager nochmal aufgerappelt, soviel bin ich den diversen Solidargemeinschaften doch schuldig.
Es ist der 30. Dezember 2010, halb 8 am morgen. Die Bäume, die Fahrräder, die Absperrungen - alles ist erstarrt zu Eis. An meiner Haltestelle muss ich sonst immer gegen Schüler und Studenten um den Vortritt kämpfen, heute steht da nur eine alte Frau und wartet. Ich warte mit ihr, steige ein und fahre.
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| Eiszeit. |
Das Lager ist verlassen, keine Azubis, keine Schüler, keine Floristen, Lackierer, Metaller, Friseure. Niemand da, der den Schnee hin und her schiebt. Keine Arbeitsvermittlerinnen die zwischen den Gebäuden pendeln, keine herablassenden Blicke von NorthFace-Jackenträgern. Alle haben Urlaub, Ferien oder kollektive Krankschreibung. Nur in der Halle der Abteilung "Bau" wird noch gearbeitet. Die Kantine hat Urlaub, deshalb müssen wir von der Gastronomie-Maßnahme uns um die Verpflegung der Bauarbeiter kümmern - das geht schon seit drei Tagen so.
Aber erstmal wird hübsch gefrühstückt. Frische Brötchen liegen auf einem Tisch, dazu gibt's Marmelade, Butter, Wurst, Kaffee und 10 Leute ringsherum, inklusive einer erholten Fr. W. im grünen Hemd. Weitere 5 Personen sitzen verteilt an anderen Tischen, sie wollen am gemeinsamen Mahl nicht teilnehmen, können die gute Laune am Stammtisch nicht teilen, konnten sich nicht arrangieren.
Es fehlen: der Chefkoch, die Fee, der Soviet, der Algerier, der Sucher - es ist aber eine neue, aufgeweckte, freundliche und irgendwie robust gut gelaunte große Frau am Tisch, die allen wohl schon länger bekannt ist, nur mir nicht.
8:45 Uhr - Frau W. hat ihr neues Hemd gegen einen neuen Ausbilder-Kittel getauscht und verteilt die heutigen Tagesaufgaben. Die Küchenkräfte (auch in neuem Gewand, mit feschen grünen Kochmützen) haben am meisten zu tun, sie bereiten das Mittagessen für uns und die Bauarbeiter vor (es wird 4 Gerichte zur Auswahl geben), andere waschen irgendwelche Wäscheberge. Die Servicekräfte sollen den Verkauf organisieren - wir verkaufen Fast Food und Kaffee, hin und wieder kommen paarweise die Bauarbeiter und tauschen Geld z.Bsp. gegen Bockwurst mit Brötchen und Kaffee. Meine offizielle Aufgabe heute ist die Müllbeseitigung - Frau W. ist wieder sehr gnädig mit mir, ich hab also quasi nichts zu tun.
Da ich noch todmüde bin, weil ich heute morgen aus unerfindlichen Gründen schon um 4 aufgewacht bin, bleib ich sitzen und beginne zu lesen. An meinem Tisch sitzt der Allrounder: Er ist ein sympathischer Dauergast und war schon in fast allen Bereichen des Lagers tätig. Er lobt mich nochmal für mein schönes Weihnachtsliedersingen auf unserer überraschend besinnlichen (oder wenigstens erlösenden) Weihnachtsfeier und wünscht sich, dass ich doch auch heute wieder etwas singe, ob ich nicht etwas passendes zum Jahreswechsel habe. Hab ich leider nicht. Außerdem ist meine Stimme angeschlagen und meine Laune absolut im Keller.
Er muss sich deshalb mit Kaffeetrinken begnügen. Er kauft eine Tasse nach der anderen und spricht "ich trinke Kaffee bis mir der Ranzen so weh tut, dass ich keinen mehr trinke". So vergeht die Zeit.
Eine neue Sozialpädagogin kommt herein, die junge schöne Frau in ihrem weinroten Girly-Kappu unter dem ein kurzer, schwarz-weiß-gestreifter Rock über einer schwarzen Jeans hervorragt, scheint wohl für die Bauarbeiter verantwortlich zu sein.
Good Choice. Sie hat zur Belustigung aller Anwesenden einen Film organisiert und baut nebenan in der Kantine einen Beamer auf, welcher sein Licht auf unser rollbares Whiteboard werfen soll - der ehemalige Gangster stellt sein Soundsystem dazu.
Nach und nach kommen alle Bauarbeiter in die Kantine und nehmen Platz, der übliche Gestank verteerter Jacken macht sich breit. Ich sitze in der letzten Reihe, die anderen Gastronomen verbleiben Bücher lesend und Löcher starrend an ihren Tischen.
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| Film. |
Film ab! Es ist
eine deutsche Kömodie, sie spielt auf einer Baustelle. Das war sicherlich gut gemeint von der Sozialpädagogin. Die Arbeiter sollen ruhig mal ein bißchen lachen, das ist gut für Herz und Seele. Gerade zwischen Weihnachten und Neujahr sollte man sich doch mal ein wenig enstpannen und nicht alles so ernst nehmen.
Die Laune der Zuschauer bleibt aber eisig. Und das verwundert mich kaum. Dieser Film ist hier völlig deplatziert und setzt dem großen Berg Dreck, den die Bauarbeiter permanent in eisiger Kälte auftürmen und abtragen müssen, das rosafarbene Sahnehäubchen auf.
Seht her - so kann's zugehn auf einer echten Baustelle, da gibt's Spaß, Spannung und Abenteuer - und hinterher hat man was geleistet. Schade, dass ihr hier im Lager versauern müsst. Nun aber wieder rasch zurück in eure Halle, is' noch lange nicht Feierabend.
Den Bauarbeitern muss das wie Hohn verkommen, aber vermutlich sind sie dafür schon viel zu abgestumpft, denken nur in ihre nächste Teerzigarette und an Bier und Schnaps zum Feierabend. So sehen sie zumindest aus. Und ich sehe ihnen Tag für Tag ähnlicher.
Nun aber genug des Miesmuts - es gibt hausmännisches Mittagessen für 2€, serviert u.a. von der großen Blondierten. Ich wähle Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffeln, Frau W. hingegen genießt lieber eine Nudelsuppe mit Maggi.
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| Realität |
Danach wird alles schön gewaschen, geputzt, die Küche aufgeräumt, der Boden gewischt. Ich erkunde währenddessen das Lager und finde in den Fluren der Friseur-Abteilung (ein Stockwerk über uns) eine recht schöne Ecke und versuche, mich dort zu entspannen - klappt leider nicht.
Um mich abzureagieren öffne ich Fenster und breche riesige, schwere Eiszapfen vom Dach ab...
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| Anpflocken hier am Kleiderhaken? |
13:20 Uhr - Frau W. macht Kassensturz: unser Team hat knapp über 60€ Gewinn gemacht in den 4 Arbeitstagen zwischen Weihnachten und Silvester - Kosten für thermische und für menschliche Energie nicht mit eingerechnet.
Langsam stellt sich die Frage, wann wir denn heute Feierabend machen... natürlich wie immer 16:15 Uhr, und keine Minute eher.
Während die Insassen sich seelisch darauf einstellen, noch 2-3 Stunden Zeit sinnlos abzusitzen, schaffe ich nach und nach die Müllbeutel raus, die Müllcontainer sind nicht sehr weit weg. Als ich gerade versuche, im Plastikmüll-Container noch etwas mehr Raum zu schaffen, kommt ein älterer Mann vorbei. Ich erkenne sofort, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Jacke? Hut? Aufrechter Gang? Das ist doch ein Zivilist!
Er macht den Eindruck, als hätte er sich verlaufen. Ich grüße ihn freundlich und frage ihn, ob er denn etwas bestimmtes suche. Ja, er will seine Enkelin und meine Sozialpädagogin Frau S. überraschen und sie mal hier auf der Arbeit besuchen. Sie meinte nämlich neulich zu ihm, dass sie sich hier fürchtet, denn ihr wurde in diesen vier Tagen die Oberaufsicht übertragen und deshalb muss sie auch bis zum Schluss bleiben und alle Türen abzuschließen.
Ich zeige ihm den Weg und unsere Arbeitsstätten, er stellt ein paar interessierte Fragen, fragt auch nach meinem Namen. Ich freue mich über soviel Aufmerksamkeit und Anerkennung, und einfach über diese Menschlichkeit.
Eine ganz einfache Begegnung mit einem ganz einfachen Mann - sie hat mir hier den Tag gerettet. Einfach mal kurz mit einem normalen Menschen reden, ohne Zwangsverhältnis, ohne sich verbiegen zu müssen - das passiert mir hier extrem selten.
Ich werde auch im neuen Jahr unter dieser Adresse weiterbloggen, dann hoffentlich nicht ganz so deprimierend wie heute.