Sonntag, 20. Februar 2011

Letzter Tag

Es ging alles furchtbar schnell. Wir saßen gerade noch in einem Klassenzimmer im ersten Stock. Unser Dozentengespann hat wieder ein neues Projekt aus dem Hut gezaubert, irgendein Event mit 3-Gänge-Menü für welches wir Flyer erstellen sollen, die dann auf dem "Betriebsgelände" verteilt werden. Ich habe keine Lust mehr, mich an dem Irrsinn zu beteiligen. Will nur mal kurz raus gehen und durchatmen - entschuldige mich also kurz bei der auf ihren Laptop starrenden Frau W. und betrete den Flur. Am Ende desselben strahlt mir eine glasige Tür entgegen, bzw. der auf dem großen Vordach hinter der Tür liegende unberührte Schnee. Dort will ich hin, will die Halsschlinge ein wenig lockern.

Sprichtwörtliches Licht am Ende des Tunnels

Ich öffne die Tür und trete hinaus, frische Luft bläst mir entgegen. Ich atme tief ein und gehe ein wenig umher, meine Tritte hinterlassen Spuren im Schnee. Es ist nicht sonderlich kalt, oder zumindest spüre ich nichts davon, bin ich doch ganz vom Freiheitsglück beseelt, hier oben allein zu sein, wo sonst niemand ist.

Doch das Glück ist nicht von Dauer. Durch die noch halb geöffnete Tür tönt eine ältere Frau streng, "Was machen Sie da draußen? Zu welcher Gruppe gehören Sie? Wie ist ihr Name?" Ich behaupte spontan, dass ich hier nur zu Besuch bin, doch da kommt zufällig schon Frau W. aus dem Zimmer und identifiziert mich. "Sie können doch hier nicht einfach die Notfalltüren öffnen. Das wird Konsequenzen haben! Sie werden für die Kosten aufkommen müssen!"

Was, wie? Eine Notfalltür? Das ist mir gar nicht aufgefallen - ich wollte doch einfach nur nach draußen. Ich versuche noch der vorgesetzten Frau hinterherzulaufen um mich zu entschuldigen oder wenigstens herauszufinden, von welchen ominösen Kosten sie da spricht - da verschwindet sie wortlos wieder in ihrem Büro für "Berufskoordination" oder so ähnlich.

Kaum zu fassen - was ist denn hier passiert? Besorgt und ratlos wende ich mich an Frau W. die für meine moderate „Laissez-faire“-Attitüde nach diesem Eklat nicht mehr tolerieren kann und mich an einen Computer setzt - ich soll jetzt endlich mal mitarbeiten, Flyer gestalten.

Mein letztes Werk.

Keine halbe Stunde später sitze ich in oben genanntem Büro an einem kleinen, quadratischen Tisch. Mir gegenüber sitzt Frau M., die hier wohl das sagen hat. Mit am Tisch sitzen Frau W. und diejenige Frau, die mich inflagranti beim temporären Fluchtversuch durch die Notfalltür erwischt hat. Nachdem ich mich nochmal erklärt und entschuldigt habe, teilt man mir mit, dass die Maßnahme ab sofort für mich beendet sei. Meine Sachbearbeiterin vom sog. JobCenter werde sich mit mir in Verbindung setzen, ich könne jetzt nach Hause gehen.

Ein bittersüßes Gefühl überkommt mich. Zwar fühle ich mich befreit, aber irgendwie auch ausgestoßen. Ich habe mich nicht selbst befreit, zumindest nicht direkt. Nein, ich werde hier einfach vor die Tür gesetzt. Die vertraute Umgebung und die trotz aller Unfreiwilligkeit und psychosozialen Distanz irgendwie liebgewonnenen Menschen - die darf ich alle nie wieder sehen? Ist das die Essenz des Stockholm-Syndroms?

Es ist Raucherpause, vor dem Haus stehen eine handvoll meiner Leute und der Dozent. Ich erzähle ihnen, immernoch ziemlich schockiert, dass man mich gerade ohne Vorwarnung wegen des Öffnens einer Notfalltür rausgeworfen hat, dass ich endlich wieder frei bin, mich aber trotzdem sehr merkwürdig fühle. Offenbar bin ich nicht allein mit diesem Gefühl: niemand kann so recht was dazu sagen, selbst dem Dozenten fällt nichts dazu ein. Schadenfreude, Neid, Häme - nichts passt hier so richtig.

Die Dozenten und Teilnehmer wissen genau, wie sinnlos die Maßnahme ist und sie spüren den schleichenden Zerfall ihrer Motivation und Integrität - und trotzdem gliedern sie sich ein, spielen das Theater mit, versuchen krampfhaft dem ganzen irgendwie etwas Positives abzugewinnen oder einfach durchzuhalten - es sind ja nur ein paar Monate...

Danach wird bestimmt alles wieder gut.


Dies wird vermutlich nicht mein letzter Beitrag sein, mir steht schließlich noch ein Termin auf dem Arbeitsamt zur Klärung des "Vorfalls" bevor.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Tag 19

Der große Tag ist angebrochen. Die Schürzen sind gemangelt, die Tischdecken gezupft, manche der Bauarbeiter haben sogar Zähne und Schuhe geputzt. Es werden Räume gelüftet, Papierhaufen sortiert, Nützliches von Unnützem getrennt. Allerortens täuscht man rege Betriebssamkeit vor, vor allem die arbeitslosen Bauarbeiter sieht man intensiv auf dem Lagergelände herumwuseln. Sie holen große Gerätschaften aus Toren, die sonst immer verschlossen bleiben. Sie tragen Rohre umher, sie kehren die Wege.

Denn alles soll picobello aussehen, wenn gegen Mittag die Delegation vom Arbeitsamt anrückt. Auch unseren neuen Dozenten packt plötzlich ein eigentümliches Verantwortungsbewusstsein. Er, der am Vortag noch die Zustände anprangern und für Veränderungen sorgen wollte, ist auf einmal bestrebt, die Zustände zu kaschieren um sich vor dem Amt nicht die Blöße geben zu müssen. "Packt doch mal die DILB und die Flaschen weg, damit das hier nicht aussieht wie Kraut und Rüben, die können jeden Moment kommen". Das Lager ist zwar ein riesiger Schandfleck, aber ist es doch wenigstens unser Schandfleck - diese Einstellung beherrscht auch die Stimmung unter meinen Mitinsassen. Die Leute geben sich gestresst. Wollen schnell noch irgendwelche Tassen aufwaschen, schnell noch eine Ladung Wäsche schleudern. Heute muss alles glänzen, so hat's die Geschäftsführung befohlen.

Apropos Geschäftsführung, im Bundesanzeiger ist in der Bilanz der Firma (eine gGmbH, das kleine "g" steht für "gemeinnützig") zu lesen:
Auf die Angabe der Gesamtbezüge der Geschäftsführung wird unter der Bezugnahme gem. § 286 Abs. 4 i.V.m. § 285 Satz 1 Nr. 9 Buchstabe a) HGB verzichtet.

Es gibt natürlich nicht genug zu tun, und dank des künstliches Stresses sind wir schon eher fertig als sonst. Da hilft also nur noch Warten, ewiges Warten.


Ich halte die Spannung nicht mehr aus. Die ausweichenden Gespräche, das tumbe Geglotze, das Warten auf das große Nicht-Ereignis. Mein Kopf drückt. Meine Hand will nicht mehr schreiben. Die Luft wird dünner, das Wasser schmeckt nicht mehr. Ich muss raus.

Ohne etwas zu sagen stehe ich auf, ziehe meine Jacke an... draußen nieselt es - schon den ganzen Tag.

Ich verlasse das Gebäude. Vorbei am Streugut-Haufen. Vorbei am Rauchen-Verboten-Schild. Vorbei am Sekretariatsgebäude. Vorbei an immernoch gestressten Bauarbeitern. Vorbei an der überfüllten Raucherinsel. Vorbei am Hauptgebäude mit seinem Konferenzraum. Hinaus aus dem Betriebsgelände! Die Straße führt nicht weit, sie läuft auf einen Hügel zu, auf verlockendes Dickicht durch welches ein magisches, weißes Leuchten schimmert. Ich bücke mich durch herabhängende Dornenbüsche, ein kleiner, schlammiger Weg führt mich hinauf zu dem Leuchten. Es ist der letzte Schnee des Winters - er will verdunsten, doch die hohe Luftfeuchtigkeit hält den Dunst am Boden gefangen, er bleibt am Schnee kleben. Ich gehe weiter, stapfe durch das wässrigen Weiß, der Pfad schlingert den Hügel herauf durch immer dichter werdende Dornenbüsche. Ich kämpfe mich hindurch, immer weiter - fort vom Lager.

Endlich entdecke ich ein Plateau, eine Wiese mit vereinzelten moosgrünen Bäumen. Leuchtender Schnee und dunkelgrün-schwammiges Gras, es ist wunderschön hier draußen, ich fühle mich frei. Ich kann wieder atmen, kann wieder gehen, alles fühlt sich echt an, wahrhaftig und nah. Für eine kleine Weile wandere ich umher und beschließe, später noch einmal mit meiner Kamera zurückzukehren.


Nebenan... man muß nur wissen, wie man hinkommt...


Gestärkt gehe ich zurück ins Lager, dort ist immernoch alles beim Alten. Die Leute warten auf Godot. Meine Abwesenheit scheint niemand bemerkt zu haben. Irgendwann gegen Mittag sieht man dann tatsächlich auch mal drei offizielle Gestalten zusammen mit einem Mitglied der Lagerleitung durch den Raum laufen, sie tragen ihre Clipboards verantwortungsbewusst vor sich her. Ein kurzer Blick nach links, ein noch kürzerer Blick nach rechts, Häkchen machen, weiter geht's. Fragen werden keine gestellt.. Sie gehen von Gebäude zu Gebäude, die Sorgfalt der Qualitätsprüfung beschränkt sich offenbar auf die Feststellung der Anwesenheit von Mensch und Material.

Ein bestimmtes Gebäude wird von der Delegation ausgelassen, dort gibt es wohl nicht viel zu sehen. Zwei Büros, ein Klassenraum, zwei Computer-Räume. Das zweite Stockwerk wird von einer anderen Firma genutzt.
In einem der dortigen Computer-Räume sitzt von früh bis spät, ohne Unterbrechung, die Abteilung Lager/Logistik/Kaufmännisch, ich habe schon ein paar mal von diesem klaustrophobischen Raum berichtet, siehe Tag 12 (letzter Abschnitt) und Zwischenspiel. Die Menschen dort hat es besonders heftig erwischt. Sie sind quasi gezwungen, den ganzen Tag am PC zu verbringen. Es gibt für sie nichts zu tun, überhaupt nichts, sie können nicht mal wirkungsvoll hin und her laufen. Auf dem Server liegen eine Handvoll Dateien mit Word- und Excel-Übungen, an der Wand hängen ein paar Flowcharts mit logistischen Betriebsabläufen. Das war's. Man spielt den ganzen Tag lang Browser-Games, klickt in einer lokalen Flirt-Community herum (die größeren Social-Networking-Sites sind per Firewall gesperrt), gelüftet wird nur selten.

Nischen in den Nischen


Laut Aussage eines jungen Mannes gibt es einen Fachkräfteüberschuss im Bereich Lager/Logistik. Vor einigen Jahren wurden da viel zu viele Leute ausgebildet, die sitzen jetzt alle im Lager herum und schieben Computer-Mäuse hin und her, völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit. Der junge Mann ist seit drei Jahren arbeitslos und lernt seitdem verschiedene Programmiersprachen, probiert sich an eigenen Projekten aus und sähe seine Zukunft im IT-Sektor. Er würde gerne eine Umschulung zum Fachinformatiker machen und bat das Arbeitsamt um eine entsprechende Förderung. Abgelehnt.

Zu unserem gestrigen Gespräch und Ihrer Anfrage bezügl. einer Umschulung, muß ich Ihnen leider mitteilen, dass die Voraussetzungen für eine Umschulung in Ihrem Fall nicht gegeben sind. Sie haben einen aktuellen Berufsabschluß und es gibt eine entsprechende Nachfrage an Arbeitskräften in Ihrem Bereich. Weiterhin ist erfahrungsgemäß der von ihnen angestrebte Abschluß als Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung ohne die entsprechende Berufserfahrung nicht zielführend auf dem 1. Arbeitsmarkt. Eine Umschulung kann aus den o.g. Gründen somit nicht von der BA gefördert werden.


Demotiviert, erniedrigt, chancenlos - es scheint also alles nach Plan zu laufen. Die Delegation ist wieder auf der Heimfahrt, der Tag neigt sich dem Ende zu.

Laut offizieller Statistik für das Jahr 2010 wurden im Rechtskreis des SGBII über achthunderttausend Bewilligungen zu "Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung" ausgestellt, im Jahresdurchschnitt waren ständig exakt 120.441 Menschen solchen Maßnahmen unterworfen. (Quelle)

Sonntag, 23. Januar 2011

Tag 18

Die Tage im Arbeitslager erscheinen mir kurz und ereignisarm. In der naiven Gewissheit, dass ich hier sowieso nicht mehr lange bleiben werde, begehe ich den Morgen mit großzügigen Verspätungen, kleine Warnpünktchen auf irgendwelchen arbiträren Anwesenheitslisten sind mir da kein Grund zur Sorge, vielmehr freue ich mich auf die auf mich zukommende "Abmahnung", ich bin doch auch Sammler.
Die verschwendete Zeit im Simulationsbistro reduziert mein geistiger Selbsterhaltungstrieb auf ein Minimum, ich strebe vielmehr zur Computer-, Heim- und Privatarbeit. Ich habe so einiges aufzuholen.

Die gute Frau W. glänzt nach wie vor durch Abwesenheit und dem Herrn Dozenten scheint's langsam zu bunt zu werden, die organisatorischen Strukturen des Lagers erscheinen ihm unklar und willkürlich, er sieht sich unter diesen Umständen nicht imstande, für Vollbeschäftigung zu sorgen und seinen Job zu machen. Im Gegensatz zu Frau W. - welche ihren Frust lieber in traurigem Humor und abendlichem Alkohol versenkt - will er dies nicht auf sich sitzen lassen.

"Ich lass mich doch hier nicht verheizen", ruft er aus und kündigt eine Frage-Antwort-Runde für den Mittag an, wo jeder seine Beschwerden vorbringen soll. Danach will er zur Geschäftsleitung marschieren und einfordern, was ihm einfordernswert erscheint.

Gegen 10 Uhr stattet uns die junge Sozialpädagogin Frau S. ihren täglichen Besuch ab. Wieso das, möge der geneigte Leser nun fragen. Um das Gespräch mit Einzelnen zu suchen, sich ihrer individuellen Problemsituation anzunehmen, sie zu beraten und Lösungswege aufzuzeigen? Um Zwiespälte zu erkennen, aufzuzeigen und offen zu diskutieren? Um Raum zu schaffen für echten Dialog? Um das im Studium erlernte Wissen in praktisches Können umzusetzen, um ihr Potenzial zu erweitern, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen?



Sie will nur Anwesenheitlisten abschreiben, verteilt hier und da mal eine Rüge, versucht freundlich zu bleiben, sie will ja auch keinen Stress mit uns. "Stellen sie sich vor, dies wäre ein richtiger Arbeitgeber, da könnten sie auch nicht einfach wegbleiben wann es ihnen recht ist und erst hinterher bescheid sagen."

Die Vorstellung mißlingt.

Ebenso mißlingt auch das Vorhaben des Dozenten, konstruktive Kritik aus der Gruppe zu extrahieren. Es mißlingt durch Absage. Ganz so aufrührerisch will er sich wohl doch nicht geben, offenbar braucht er uns doch sowieso nicht um die mißliche Lage zu erkennen. Außerdem ist für morgen sowieso eine Qualitätsprüfung durch das Arbeitsamt angekündigt, man spricht von einer Delegation. Die Delegation wird sich bestimmt alles genau ansehen um hinterher festzustellen, dass die ganze Einrichtung in keinster Weise den Maximen und Zielen der Aktivierungsphase des Projektes "Bürgerarbeit" entspricht und dementsprechend entweder die Maßnahme vorläufig für beendet erklären oder dafür sorgen, dass in Zukunft alles anders läuft.

Das Amt wird's schon richten.

Freitag, 21. Januar 2011

Tag 17

Es ist Dienstag, eine neue Woche ist für mich angebrochen und schon gibt es das erste Problem: das Dreamteam hat massiv an Gewicht verloren, denn Frau W. ist krank. Nun muss der neue Dozent alleine zurechtkommen, muss Ordnung schaffen, klare Strukturen aufbauen. Seine Herde wird derweil immer größer, jeden Montag werden neue verwirrte Menschenkinder bei uns abgeladen, sie taumeln durchs Tor, stolpern über die Schwelle und fallen auf ihre Stühle, wippen und wackeln noch ein wenig und verfallen dann erst in Angst-, dann in Schmerz- und irgendwann in Todesstarre.

Nur einer ist anders, das sieht man sofort. Von allen Teilnehmer passt er hier wirklich am Allerwenigsten rein. Er hat Dreadlocks, Diplom und subversive Buttons, sein Blick ist gestochen scharf. Von Anfang an stellt er kritische Fragen, lacht selbstbewusst über den Unsinn der Maßnahme und verkündet sogleich, dass er hier nach niemandes Pfeife als nach seiner eigenen tanzen wird. Das Geld habe er sowieso nicht nötig, die EGV habe er nur unter Vorbehalt unterschrieben und er freue sich schon auf seinen nächsten Termin bei der für ihn zuständigen Sachbearbeiterin und auf die soziologische Arbeit, die er bald über die Maßnahme schreiben wird. Später erzähle ich ihm von meinen Bemühungen, wir treten in Kontakt.

Auch stelle ich fest, dass der freundliche Jugoslawe wieder bei uns ist. Wir erinnern uns: Ich habe ihn in meiner ersten Woche kennengelernt und mich ein wenig mit ihm angefreundet. Er ist eigentlich Profisportler und hat sich mit offiziell abgesegneten, aber trotzdem fragwürdigen Bewerbungsunterlagen um eine Stelle als Fitnesstrainer beworben, woraufhin man ihn nie wieder gesehen hat. Hat wohl nicht geklappt. Er erzählt von einem Freund, der ihn als Taxifahrer anstellen würde, er müsste nur einen Taxischein machen. Das kostete 500€, das Arbeitsamt kann und will das aber nicht für ihn übernehmen. Man hält es offenbar für klüger, ihn wieder zurück in die Maßnahme zu schieben, das kostet auch nicht viel mehr und ist dem Taxifahren ja ganz ähnlich. Die meiste Zeit sitzt man auf mehr oder weniger bequemen Stühlen und liest DILB-Teizung (Name aus Pietätsgründen geändert), man kann am Arbeitsplatz essen aber nicht Rauchen, manchmal wird man rumkommandiert, die Zeit spielt stets eine wichtige Rolle. Nur das Trinkgeld ist beim Taxifahren besser.

Auf Überraschungen sollte man stets gefasst sein. Nach der Mittagspause kommt eine Mitarbeiterin der Friseur-Ausbildungs-Abteilung zu uns, die in den weniger übelriechenden Abteilungen des Lagers nach willigen Versuchsobjekten sucht, natürlich kostenlos. Ich bin gleich sehr angetan. Sich zur Abwechslungs mal die Haare anstatt der Neuronen abschneiden zu lassen, das halte ich für eine willkommene Abwechslung.

Im Friseur-Salon angekommen entdecke ich viele regungslose Köpfe mit starrem Blick, also erstmal kein großer Unterschied. Beim näheren Hinsehen erkenne ich, dass sie aus Plastik sind. Sie werden im Akkord gewaschen, beschnitten, geföhnt und gestyled bis ihre Köpfe ganz kahl sind, dann verschwinden sie in irgendeinem Loch. So läuft's im Leben.


Sehnsüchte, in Form gegossen

Ich nehme Platz im Warte-Bereich, neben mir sitzt schon eine freundliche Dame höheren Alters. Sie ist Zivilistin - das sieht man sofort. Ich scherze, dass ich mir meine Komponisten-Frisur nicht wegnehmen, sondern nur in Form bringen lassen werde und unterhalte mich mit ihr über Musik, Oper und Theater. Dann komme ich dran und lass mir meine Mähne bändigen. Das ganze dauert erfreulicherweise über eine Stunde, die Auszubildende (welche eigentlich mal etwas anderes gelernt hat) muss sich oft bei ihrer Ausbilderin rückversichern, das ist OK.

Ich bin wieder im Restaurant für fortgeschritten Zurückgestufte und dufte nach Moschus. Der neue Dozent hält eine Vorlesung über Lebensmittelschutzgesetze, es sind nur sieben mehr oder weniger aufmerksame ZuhörerInnen im Raum, die meisten sind schon wieder auf Exkursion im Arbeits-Museum. Ein aufmerksamer Zuhörer merkt an, dass die Küchen im Lager nicht den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Die Fugen seien rissig, es gäbe weder Waschbecken noch Desinfektionsmittel und auch keine Papierhandtücher und sowieso stimme hier hinten und vorne nichts. Stimmt so. Der Dozent erklärt, Einrichtungen wie die unsrige seien mit der heißen Nadel gestrickt, das könne man nun auch nicht mehr ändern und außerdem gelten die ganzen Vorschriften ja nur für Küchen, aus denen auch etwas verkauft wird. Das passiert bei uns zum Glück nur selten.

Diese Einstellung unseres vom Leben abgehärteten Dozenten provoziert am Nachmittag während einer Vorlesung über die Geschichte des Gastgewerbes sogar noch eine Grundsatzdiskussion in großer Runde. Es geht um Weltverbesserung, um Zurückhaltung von Schlüsseltechnologien und um konkrete gesamtgesellschaftliche Maßnahmen zur Rückgewinnung von Verantwortungsbewusstsein. Unser Dozent z.Bsp. wünscht sich ein Rechtssystem, in welchem die für den Dioxinskandal Verantwortlichen einfach an der dem Gerichtsgebäude nächsten Laterne aufgehängt werden können - das nennt er für sich persönlich einen "Rechtsruck", erzeugt damit aber nur Verwirrung, die noch knapp über eine Raucherpause lang anhält.

Zurück zur Tagesordnung.

Montag, 17. Januar 2011

Tag 16

Auch wenn die Welt manchmal komplett stillzustehen scheint - letztendlich dreht sie sich dennoch weiter.

Auch der neue Dozent rotiert wieder wie der Fachmann der er ist, und sein Wirkungskreis zerwirbelt alles, was nicht niet- und nagelfest und noch einigermaßen rostfrei ist. Er hat die komplette Küchendelegation in ihre weißen Kleider und ihre grünen Hüte verpackt und mit ihnen die geräumige Lehrküche okkupiert. Vorbei die Zeiten, an denen nur die Freiwilligen vom Dienst ein paar Eier in der kleinen Küche für "berufsvorbereitende Maßnahmen" (BvB) auf Sparflamme erhitzen, ab sofort wird jeder Mensch der schonmal einen Kochlöffel im Fernsehen gesehen hat eingesetzt. Vorspeisen, Nachspeisen, Zwischenspeisen, Unter-, Über- und Nebenspeisen - es gibt doch so viele Möglichkeiten, man muss sie halt nur mal wahrnehmen.

Plötzlich scheint auch Frau W. wieder beisammen zu sein. Sie muss sich nun nicht mehr um die Küchenkräfte kümmern sondern kann endlich ihre oder besser unsere Energie den wirklich wichtigen Aufgaben zuteil werden lassen, z.Bsp. Schubladen ausmisten, Besteck umpolieren, Staub zerwischen und Fenster abputzen.

Auch Frau W. selber hat viel zu tun: die Post ist da und will verteilt werden. Vor Wochen hat die gute Frau uns nach unseren Schuhgrößen gefragt, endlich ist die Bestellung eingetroffen. 25€ pro Fuß hat man es sich kosten lassen, das rechnet sich: die hochwertigen Crocs verleihen Größe und Rutschfestigkeit und genau diese Eigenschaften haben die meisten Teilnehmer hier bitter nötig, sind viele doch beim Abrutschen entlang der sozialen Abwärtsspirale um mindestens eine halbe Schulterhöhe kleiner geworden.

Mit soviel Halt am Fuß und Optimismus im Herzen beschließe ich spontan, den Koordinator Herrn H. aufzusuchen. Er ist derjenige, der jeden Montag im Konferenzraum den Neuteilnehmern die Aufnahmebedingungen erklärt, er händigt die als Hausordnung getarnten Seelenabtretungsverträge aus und führt die Gelinkten dann auf einen Rundgang der Demut durch das Lager, zeigt jedem seinen zukünftigen Mitwirkungsplatz.

Mir kam nämlich zu Ohren, dass Herr H. neben seiner Tätigkeit als Teufelsadvokat auch außerordentlich gute Bewerbungsfotos schießt. Er sitzt in einem Büro im ersten Stock des Hauptgebäudes und hält Lampen, Licht und Leinwand bereit, stets hoffend, dass jemand den Weg zu ihm findet. Das passiert wohl nicht allzu oft, denn so richtig offen propagiert wird dieser Fakt nicht. Herr H. findet das aber OK, er meint "wenn es sich schon bis zu Ihnen in die Gastronomie herumgesprochen hat, dann kann's ja nicht so schlimm sein".

Und er macht tatsächlich ganz gute Fotos, seine Kamera macht automatisch mehrere Fotos in rapider Folge, er leitet an zu optimaler Rücken- und Nackenhaltung. Er strahlt regelrecht vor lauter Glück darüber, dass ich als Modell ein richtiges Naturtalent bin und mit soviel Motivation und Wertschätzung sein Büro betreten habe. Seine Augen funkeln in diesem Moment des persönlichen Glücks, er hat seine Nische gefunden, hält sein Juwel beschützt vom klebrigen Staub des Lageralltags.

Während er die Bilder am PC zurechtschneidet, versuche ich, ein paar konstruktive Kritikpunkte anzubringen. Dass den Menschen hier gar nichts anderes übrig bleibt, als jede Hoffnung zu verlieren, dass man doch wenigstens mal das Beste draus machen könnte, flexible Möglichkeiten schaffen anstatt rigider Verwaltungsstruktur. Das ging mir zumindest so durch den Kopf. Die erbarmungslose Abstumpfung des o.g. klebrigen Lageralltags hingegen ließ weder Konfrontations- noch Artikulationsfähigkeit zu, und so äußerte ich nur ein paar oberflächliche Bedenken in freundlichem Ton, die ebenso freundlich abgewunken wurden.

Zwischen Tür und Angel ist also keine Revolution zu machen, ich muss mich besser vorbereiten.

Der Weg ist lang und dreckig.

Sonntag, 16. Januar 2011

Tag 15

Das neue Jahr beginnt mit dem üblichen Krach. Wie eine Interkontinentalrakete aus dem Himmel schlägt ein neuer Dozent im Raum ein und rüttelt das Inventar gar kräftig durch. Der Klassenfeind in seinem Argwohn hat diesen Mann zu uns geschickt. Unsere gute Frau W. ersetzen? Unmöglich! Eine Ergänzung soll er sein. Der Realismusgrad der "simulierten Arbeitsabläufe" erhöht sich um 100%, neben der herzlich-säuerlichen Tresenmutti haben wir jetzt auch einen enthusiastischen, kräftigen und führungsbewussten Koch, Manager und Ausbilder in einer Person um uns daran zu erinnern, wie es in realen Gastwirtlichkeiten zugehen könnte.

Der neue Dozent ist ein erfolgreicher Mann mittleren Alters. Tiefe Stimme, kräftiger Bauchansatz, Millimeterschnitt, kariertes Hemd, Jacke, trockener Humor. Was er doziert, das lebt er auch: gesunde Ernährung, umsichtiges Handeln, Bestimmheit, Fleiß und Ausdauer.
Im Gegensatz zu Frau W. hat er diesen Job nicht aus völliger Verzweiflung nach langer Arbeitslosigkeit angenommen, nein, er wechselt häufig und gerne den Job, hat viele Verbindungen, könnte quasi überall arbeiten und wird es vorraussichtlich auch noch tun. Als Ausbilder, Dozent, Gruppenleiter bzw. Oberhansel in einer "Maßnahme für Aktivierung und Integration" zu arbeiten fehlte ihm noch in seinem fünfseitigen Lebenslauf.

Doch auch er muss sich erstmal zurechtfinden. Den Job hat er sich wohl etwas anders vorgestellt. Sinnvolles Vermitteln und Anleiten in klar strukturierter Organisation, so wie es auf dem von ihm unterschriebenem Arbeitsvertrag steht.
Die desolate Stimmung der ihm zugeteilten Langzeitarbeitslosen, deren gemeinsamer Glauben an die eigene Aussichtslosigkeit sich in der langen Zermürbungsphase während und zwischen diverser Zeitverschwendungsmaßnahmen zu phlegmatischer Gleichgültigkeit verewigt hat - diese Stimmung versucht der Dozent eine gute Stunde lang durch bestimmmtes aber unbeachtetes Dozieren zu kaschieren, jedoch ist die kollektive Forderung nach einer Raucherpause, also die einzige Forderung die hier im Arbeitslager durchsetzungsfähig zu sein scheint, letztlich stärker.


Und so geht das Kollektiv der Nutzlosigkeit eine rauchen, der Dozent bleibt einsam und verlassen zurück.

Wenig später trudelt das Kollektiv unkollektiv zurück. Es ist weniger das Nikotin denn eher die Sinnhaftigkeit der eigenen Körperbewegung und die erfrischende Wirkung frischer Luft, die den Teilnehmern kurzzeitig die Illusion von Zufriedenheit und Glück schenken.

Das kann ich nicht auf sich beruhen lassen. Aus meiner Hosentasche ziehe ich einen Text und beginne ihn halblaut zu lesen. Die Männer am Tisch fordern mich auf, ihn doch am besten gleich für alle vorzulesen, schließlich habe ich ja schon mit meinem Liederprogramm (incl. Mini-Predigt) zur Weihnachtsfeier neulich Bühnenpräsenz bewiesen. Gute Idee! Der ungekannten Frische des Sauerstoffs, veredelt durch Qualm und Teer soll nun die ebenso ungekannte Frische deutscher Gegenwartsliteratur, veredelt durch Mißmut und Misantrophie, folgen.

Ich teile dem Dozenten mit, dass ich quasi als spontanes Kulturzwischenstück einen kurzen Text für alle vorlesen möchte (keine Einwände). Ich stelle mich vor die Tafel und lese vor: "Drinnen sind nur Kännchen" von Uli Hannemann. An vielen Stellen wird gelacht. Ich lese den letzten Satz, wünsche allen "weiterhin viel Spaß" und setze mich wieder klanglos an meinen Platz.

An dieser Stelle möge der geneigte Blog-Leser erstmal selber den genannten Text lesen (bis zur Mitte runterscrollen). Er zeigt sehr schön, wie es einem hier in der Zwangsmaßnahme gedanklich ergehen kann. Krieg im Kopf.


Tasse ohne Kännchen

Der Dozent erhebt sich nicht mehr zum Wort. Ist ihm klar geworden, dass das Dozieren hier, unter diesen Umständen, keinen Sinn und Zweck hat? Hört er plötzlich die Pfeifen der Bimmelbahn in seinem Kopf?
Auf der Flucht vor meinen eigenen Gedanken verschwinde ich ins Computerkabinett. Ich bin festentschlossen, mir Jobs zu suchen, irgendwelche, völlig egal. An meinem Lebenslauf hab ich auch schon lange nicht mehr gefeilt. Zuhause finde ich keine Zeit dafür.

Ist das etwa der perfide Sinn und Zweck der Maßnahme? Die simulierten gastronomischen Arbeitsabläufe, das Dozieren, die versprochenen aber nie stattfindenden Vermittlungsgespräche - alles nur Staffete um querdenkenden, orientierungslosen Studienabbrechern wie mir die Vision des eigenen Untergangs vor Augen zu halten? Die ganzen Teilnehmer, sind sie nur nutzloses Menschenmaterial, Mittel zum Zweck? Respekt und Hochachtung vor einer so ausgeklügelten Strategie, Frau v.d. Leyen!
Ein jeder nach seinen Fähigkeiten. Manche Menschen eignen sich demnach nur noch als Anschauungsmaterial.

Ein paar Stunden später betrete ich wieder den Raum des Schweigens. Der Dozent sitzt noch immer. Noch über eine halbe Stunde bis Dienstschluss. Ich frage im Flüsterton meinen Sitznachbarn, ob in den letzten Stunden irgendwas doziert worden sei - nein. Nichts. Der Dozent, der am Morgen noch voller Tatendrang war - auch ihn hat die paralysierende Sogwirkung erfasst. Es gibt einfach nichts zu tun. Es zählt nur noch eines: Die kleinen, schwarzer Plastikstäbchen auf dieser mit zwölf Zahlen beschrifteten Scheibe mögen sich doch bitte endlich in die ersehnte Konstellation bewegen:

Viertel nach Vier.

Freitag, 7. Januar 2011

Zwischenspiel

Da ich meine Zeit momentan eher mit Fluchtbemühungen denn mit Beobachtung und Verklausulierung des bunten Treibens verbringe gibt es heute nur eine kleine Impression aus dem Computer-Raum des Arbeitslagers. Eine Maßnahmengruppe des kaufmännischen Bereichs verbringt dort den Großteil ihrer Zeit (Korrektur: den Ganzteil ihrer Zeit).

Schwanengesang?

Werke wie diese kann ich keinem der Gesichter dort zuordnen.

Schnell noch ein Buchtipp: "Schule der Arbeitslosen", von Joachim Zelter. Neu oder gebraucht für 19,90€.

Freitag, 31. Dezember 2010

Tag 14

Ich bin die ganze Woche seit Weihnachten krank gewesen, habe mich aber für den letzten Jahrestag im Arbeitslager nochmal aufgerappelt, soviel bin ich den diversen Solidargemeinschaften doch schuldig.

Es ist der 30. Dezember 2010, halb 8 am morgen. Die Bäume, die Fahrräder, die Absperrungen - alles ist erstarrt zu Eis. An meiner Haltestelle muss ich sonst immer gegen Schüler und Studenten um den Vortritt kämpfen, heute steht da nur eine alte Frau und wartet. Ich warte mit ihr, steige ein und fahre.


Eiszeit.

Das Lager ist verlassen, keine Azubis, keine Schüler, keine Floristen, Lackierer, Metaller, Friseure. Niemand da, der den Schnee hin und her schiebt. Keine Arbeitsvermittlerinnen die zwischen den Gebäuden pendeln, keine herablassenden Blicke von NorthFace-Jackenträgern. Alle haben Urlaub, Ferien oder kollektive Krankschreibung. Nur in der Halle der Abteilung "Bau" wird noch gearbeitet. Die Kantine hat Urlaub, deshalb müssen wir von der Gastronomie-Maßnahme uns um die Verpflegung der Bauarbeiter kümmern - das geht schon seit drei Tagen so.

Aber erstmal wird hübsch gefrühstückt. Frische Brötchen liegen auf einem Tisch, dazu gibt's Marmelade, Butter, Wurst, Kaffee und 10 Leute ringsherum, inklusive einer erholten Fr. W. im grünen Hemd. Weitere 5 Personen sitzen verteilt an anderen Tischen, sie wollen am gemeinsamen Mahl nicht teilnehmen, können die gute Laune am Stammtisch nicht teilen, konnten sich nicht arrangieren.
Es fehlen: der Chefkoch, die Fee, der Soviet, der Algerier, der Sucher - es ist aber eine neue, aufgeweckte, freundliche und irgendwie robust gut gelaunte große Frau am Tisch, die allen wohl schon länger bekannt ist, nur mir nicht.

8:45 Uhr - Frau W. hat ihr neues Hemd gegen einen neuen Ausbilder-Kittel getauscht und verteilt die heutigen Tagesaufgaben. Die Küchenkräfte (auch in neuem Gewand, mit feschen grünen Kochmützen) haben am meisten zu tun, sie bereiten das Mittagessen für uns und die Bauarbeiter vor (es wird 4 Gerichte zur Auswahl geben), andere waschen irgendwelche Wäscheberge. Die Servicekräfte sollen den Verkauf organisieren - wir verkaufen Fast Food und Kaffee, hin und wieder kommen paarweise die Bauarbeiter und tauschen Geld z.Bsp. gegen Bockwurst mit Brötchen und Kaffee. Meine offizielle Aufgabe heute ist die Müllbeseitigung - Frau W. ist wieder sehr gnädig mit mir, ich hab also quasi nichts zu tun.

Da ich noch todmüde bin, weil ich heute morgen aus unerfindlichen Gründen schon um 4 aufgewacht bin, bleib ich sitzen und beginne zu lesen. An meinem Tisch sitzt der Allrounder: Er ist ein sympathischer Dauergast und war schon in fast allen Bereichen des Lagers tätig. Er lobt mich nochmal für mein schönes Weihnachtsliedersingen auf unserer überraschend besinnlichen (oder wenigstens erlösenden) Weihnachtsfeier und wünscht sich, dass ich doch auch heute wieder etwas singe, ob ich nicht etwas passendes zum Jahreswechsel habe. Hab ich leider nicht. Außerdem ist meine Stimme angeschlagen und meine Laune absolut im Keller.

Er muss sich deshalb mit Kaffeetrinken begnügen. Er kauft eine Tasse nach der anderen und spricht "ich trinke Kaffee bis mir der Ranzen so weh tut, dass ich keinen mehr trinke". So vergeht die Zeit.

Eine neue Sozialpädagogin kommt herein, die junge schöne Frau in ihrem weinroten Girly-Kappu unter dem ein kurzer, schwarz-weiß-gestreifter Rock über einer schwarzen Jeans hervorragt, scheint wohl für die Bauarbeiter verantwortlich zu sein. Good Choice. Sie hat zur Belustigung aller Anwesenden einen Film organisiert und baut nebenan in der Kantine einen Beamer auf, welcher sein Licht auf unser rollbares Whiteboard werfen soll - der ehemalige Gangster stellt sein Soundsystem dazu.

Nach und nach kommen alle Bauarbeiter in die Kantine und nehmen Platz, der übliche Gestank verteerter Jacken macht sich breit. Ich sitze in der letzten Reihe, die anderen Gastronomen verbleiben Bücher lesend und Löcher starrend an ihren Tischen.


Film.

Film ab! Es ist eine deutsche Kömodie, sie spielt auf einer Baustelle. Das war sicherlich gut gemeint von der Sozialpädagogin. Die Arbeiter sollen ruhig mal ein bißchen lachen, das ist gut für Herz und Seele. Gerade zwischen Weihnachten und Neujahr sollte man sich doch mal ein wenig enstpannen und nicht alles so ernst nehmen.

Die Laune der Zuschauer bleibt aber eisig. Und das verwundert mich kaum. Dieser Film ist hier völlig deplatziert und setzt dem großen Berg Dreck, den die Bauarbeiter permanent in eisiger Kälte auftürmen und abtragen müssen, das rosafarbene Sahnehäubchen auf.
Seht her - so kann's zugehn auf einer echten Baustelle, da gibt's Spaß, Spannung und Abenteuer - und hinterher hat man was geleistet. Schade, dass ihr hier im Lager versauern müsst. Nun aber wieder rasch zurück in eure Halle, is' noch lange nicht Feierabend.

Den Bauarbeitern muss das wie Hohn verkommen, aber vermutlich sind sie dafür schon viel zu abgestumpft, denken nur in ihre nächste Teerzigarette und an Bier und Schnaps zum Feierabend. So sehen sie zumindest aus. Und ich sehe ihnen Tag für Tag ähnlicher.

Nun aber genug des Miesmuts - es gibt hausmännisches Mittagessen für 2€, serviert u.a. von der großen Blondierten. Ich wähle Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffeln, Frau W. hingegen genießt lieber eine Nudelsuppe mit Maggi.


Realität

Danach wird alles schön gewaschen, geputzt, die Küche aufgeräumt, der Boden gewischt. Ich erkunde währenddessen das Lager und finde in den Fluren der Friseur-Abteilung (ein Stockwerk über uns) eine recht schöne Ecke und versuche, mich dort zu entspannen - klappt leider nicht.
Um mich abzureagieren öffne ich Fenster und breche riesige, schwere Eiszapfen vom Dach ab...


Anpflocken hier am Kleiderhaken?

13:20 Uhr - Frau W. macht Kassensturz: unser Team hat knapp über 60€ Gewinn gemacht in den 4 Arbeitstagen zwischen Weihnachten und Silvester - Kosten für thermische und für menschliche Energie nicht mit eingerechnet.
Langsam stellt sich die Frage, wann wir denn heute Feierabend machen... natürlich wie immer 16:15 Uhr, und keine Minute eher.

Während die Insassen sich seelisch darauf einstellen, noch 2-3 Stunden Zeit sinnlos abzusitzen, schaffe ich nach und nach die Müllbeutel raus, die Müllcontainer sind nicht sehr weit weg. Als ich gerade versuche, im Plastikmüll-Container noch etwas mehr Raum zu schaffen, kommt ein älterer Mann vorbei. Ich erkenne sofort, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Jacke? Hut? Aufrechter Gang? Das ist doch ein Zivilist!

Er macht den Eindruck, als hätte er sich verlaufen. Ich grüße ihn freundlich und frage ihn, ob er denn etwas bestimmtes suche. Ja, er will seine Enkelin und meine Sozialpädagogin Frau S. überraschen und sie mal hier auf der Arbeit besuchen. Sie meinte nämlich neulich zu ihm, dass sie sich hier fürchtet, denn ihr wurde in diesen vier Tagen die Oberaufsicht übertragen und deshalb muss sie auch bis zum Schluss bleiben und alle Türen abzuschließen.

Ich zeige ihm den Weg und unsere Arbeitsstätten, er stellt ein paar interessierte Fragen, fragt auch nach meinem Namen. Ich freue mich über soviel Aufmerksamkeit und Anerkennung, und einfach über diese Menschlichkeit.
Eine ganz einfache Begegnung mit einem ganz einfachen Mann - sie hat mir hier den Tag gerettet. Einfach mal kurz mit einem normalen Menschen reden, ohne Zwangsverhältnis, ohne sich verbiegen zu müssen - das passiert mir hier extrem selten.


Ich werde auch im neuen Jahr unter dieser Adresse weiterbloggen, dann hoffentlich nicht ganz so deprimierend wie heute.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Tag 12

Der zwölfte Tag erst? Unglaublich, es fühlt sich so an, als hätte ich schon ein halbes Jahr in dieser Klitsche verbracht. Alles ist so schlicht hier... die Insassen, die Vorgesetzten, das System und der Umgang miteiander - man könnte sich einbilden, es nach einer Woche schon vollends durchschaut zu haben. Es ist nicht mehr spannend, diesen einst so unbekannten und fremden Raum zu betreten, es hat sich längst ein fader Alltag eingeschlichen.

Ich betrete aber trotzdem verhältnismäßig pünktlich, und zwar 9:30 Uhr, den Raum. Heute ist die andere Hälfte unserer Gruppe auf Exkursion, nur noch ein knappes Dutzend ist übrig. Das knappe Dutzend sitzt an einer großen, aus zusammengeschobenen Tischen geformten und hübsch mit den üblichen Tischdecken belegten Tafel, die junge, schwarzhaarige Arbeitsvermittlerin (ich nenne sie erstmal Frau K.) hat Aufsicht. Vermutlich sitzt man schon seit um 8 so miteinander, dementsprechend ist die Stimmung relativ ruhig. Auf der einen Seite Frau K. - sie unterhält sich ungezwungen mit den ihr Nahesitzenden über Arbeitsvermittlung und Bewerbungen, stellt hier und da Fragen, alles ziemlich locker - sie tut ihre Pflicht.
Am anderen Ende sitzt das Kernkompetenzteam, inzwischen offiziell erweitert um die große Blondgefärbte. Dass sie die Schule während der sechsten Klasse abgebrochen hat, sieht man ihr irgendwie an; ich weiß nicht woran genau. Sie ist groß und rund, hat ein breites Gesicht und eine zum Lispeln neigende, dünne aber hervorstehende Oberlippe. Sie ist nicht rücksichtlos, sondern verständnisvoll und hat einen irgendwie unschuldig-ordinären Humor. Wenn sie eine ironische Anmerkung ggü. Vorgesetzten oder Freunden macht, oder wenn sie überhaupt auf irgendeine Art ihren Worten Nachdruck verleihen will (und das will sie fast immer), dann blinzelt sie beim Sprechen mindestens drei mal pro Silbe und schaut ihren Gesprächspartner danach an, mit großen Augen, in denen geschrieben steht: Ich habe gerade etwas verdammt Kluges und Richtiges gesagt und nun wollen wir doch mal sehen, ob du darauf noch irgendwas erwidern kannst.

Ich nehme Platz an diesem Ende des Tisches. Dort wurde gerade Stadt-Name-Land gespielt, doch meine späte Ankunft bietet natürlich eine willkommene Gelegenheit, erstmal ein wenig Radau zu machen. Ich äußere, dass ich mich jetzt hier nicht in den Mittelpunkt stellen will und doch bitte alle mit ihren Tätigkeiten fortfahren sollen.

Mit am Tisch sind auch zwei Neuankömmlinge. Einen davon (der in Wahrheit schon oft hier war) fragt Frau K. schließlich, ob sie jetzt nicht mit ihrem ersten "Erstgespräch" anfangen könnten. Er zögert. Eigentlich war das für Nachmittag angesetzt, er meint so halb im Scherz, dass er seelisch und moralisch noch nicht genügend darauf vorbereitet wäre, willigt dann aber doch ein. Aus Gründen der Bequemlichkeit findet dieses Vier-Augen-Gespräch direkt bei uns am Tisch in gedämpfter Lautstärke statt. Die Anderen spielen weiter ihr Spiele, zweie lesen Bücher, eine versucht sich an Sudoku (von Frau K. mitgebracht), zwei andere starren und schweigen.

Der ehemalige Gangster äußert nach einiger Zeit, dass er in die Küche will. Abgelehnt. Er will auf die Toilette. Kann er auch vergessen. Frau K. weiß genau Bescheid, in Wirklichkeit will er nur raus zum Rauchen - doch das ist leider nicht genehm, wir sollen uns nicht außerhalb der Pausenzeiten draußen beim Rauchen sehen lassen. Die Abteilung Leitung, Koordination und Verwaltung hat ihre Büros in einem turmähnlichen Gebäude mit genauem Blick auf unsere Raucherecke. Das gibt nur Ärger!

Die Fee äußert, sie käme sich hier vor wie in der Schule. Sie erzählt, wie letztens zwei Typen wegen Papierfliegerbastelns während des sog. "Bewerbungstrainings" (Vortrag mit Polylux) vor die Tür geschickt wurden. Es verwundert niemanden.

Die Zeit streicht gemächlich dahin. Raucherpause. Small-Talk.

Ein ziemlich mitgenommes aussehendes Mädel erzählt von ihrem Gatten. Sie schlagen sich manchmal gegenseitig - das heißt, sie fängt im Streit immer mit den Handgreiflichkeiten an, er schlägt dann zurück. Am schlimmsten war's einmal, als sein weißes Polo-Hemd nicht wie vereinbart gewaschen war. Resultat: Platzwunde. Ihr Kind hat zugesehen.

Sie erzählt das alles mit derselben beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der sie erst gestern zugab, nur selten mehr als vier Stunden pro Tag zu schlafen. Die Runde ist entsetzt und versteht nicht, warum sie trotz dieser Gewaltexzesse noch mit dem Typ zusammen ist. Ihre Begründung, in genau dieser Reihenfolge: Ich liebe ihn doch. Also ich bin von ihm abhängig. Wir haben ein Kind. Außerdem kann er nichts dafür, er ist hyperaktiv.

Das hat uns alle ziemlich ratlos zurückgelassen.

Fürs Leben gezeichnet.

Nach der Mittagspause gehe ich mit dem Mann in der roten Jacke hinüber in ein anderes Gebäude, wir wollen am PC arbeiten. Die inzwischen auch eingetroffene Sozialpädagogin erlaubt es uns und freut sich, dass ich ihm am PC helfen will, damit das alles nicht so ewig dauert.
Das ausschließlich per WLAN vernetzte Computer-Kabinett ist fast voll. Eine Maßnahmen-Klasse, die ich selber nicht ganz zuordnen kann, vielleicht kaufmännischer Bereich. Sie sollen zwar irgendeine Übung machen (eine vorgedruckte Tabelle in Excel reproduzieren), labern aber die ganze Zeit auf vulgärste Art und Weise über irgendwelchen Spaß. Die Dozentin dieser Klasse sitzt am Lehrercomputer und grinst debil, lässt hin und wieder auch mal irgendeinen Spruch ab, klickt dabei die ganze Zeit wie wild auf ihrer Maus rum.
Wir setzen uns an die letzten beiden freien Plätze (erste Reihe) und gehen unseren Arbeiten nach: ich suche Texte und Noten für die morgen anstehende Weihnachtsfeier zusammen, er surft aus mir unerfindlichen Gründen auf den Seiten irgendwelcher Sport- und Tanzvereine - er hat zuhause kein Internet.

Ein Typ kommt herein, Arbeiter. Der in ironischem Tonfall gehaltene Wortwechsel ist symbolisch dafür, wie's hier in der Maßnahme zugeht.
Dozentin: Sind se wieder da?!
Er: Ganz schlecht mein Lebenslauf, muss ich mich schämen.
Sie: Da müss'mer noch a paar Daten mit reinnehme.
Er nickt grinsend und setzt sich.
Sie: Asche aufs Haupt. Kurz darauf: Es ist schon schlimm.

Später kommt ein sehr lautes Grüppchen herein, zu der Klasse zugehörig.
Die Dozentin, wieder mit ihrer ironischen Bestimmtheit:
Bloß zusammenreißen, sonst muss ich ne Abmahnung schreiben!
Die Menge grölt.
Dozentin: Oder Anpflocken hier am Kleiderhaken.
Von ganz hinten ruft eine Frau: Ich lass mich von Niemandem anpflocken, nur von Einem!

Später verlässt die Dozentin für ein Weilchen den Raum. Die Mäuse tanzen auf den Tischen. Es gibt Glühwein für alle, das dürfte die sehr gelassene Stimmung erklären.
Die Dozentin kommt wieder rein und sagt, ich zitiere noch einmal:

Schlimm, schlimm, schlimm ... schlimm, schlimm, schlimm, schlimm ... schlimm.

Dem ist wohl nichts weiter hinzuzufügen.

Sonntag, 26. Dezember 2010

Tag 11

Dienstag, der 21. Dezember. Ich hatte mich sehr gut erholt am Wochenende, mir geht's persönlich nicht schlecht. Und der Start in die Woche (am Montag ging ich meinem realexistierenden Nebenjob nach) hätte abwechslungsreicher nicht sein können.

1. Unsere Dozentin, Ausbilderin und Ersatzmutter hat das dahintreibende Schiff zeitweilig verlassen, sie ist im Urlaub. Wir sind die ganze Woche (unter sporadischer Aufsicht zweier junger Sozialpädagoginnen und einer ebenso jungen Arbeitsvermittlerin) quasi narrenfrei und können uns auf die festlichen Tage einstimmen. Am Donnerstag, den 23. Dezember, findet ja unsere ureigene Weihnachtsfeier statt, die Vorfreude wächst.

2. Wir gingen auf Exkursion in ein Museum. Das Thema der Ausstellung: "Arbeit", was sonst? Unsere Truppenstärke misst ca. 20 Mann, die Hälfte davon aus den Bereichen Bau und Metall, also so richtig harte Männer - nicht solche affektierten Schnösel wie ich.

Über die Austellung selber will ich nicht allzuviele Worte verlieren. Wir nahmen an einer Führung teil, die Führerin pflichtete mir später im Gespräch bei, dass sowohl Ausstellung als auch Führung erhebliche konzeptionelle Mängel aufwiesen.

Nach der Führung verbleibt die Gruppe noch über eine halbe Stunde lang im Warteraum, es gibt große Fenster zum Glotzen und Sofas zum Sitzen. Manch einer der harten Männer beklagt noch die Sinnlosigkeit des ganzen Unterfangens ("Diese Ausstellung gut und schön, aber was hat euch das jetzt gebracht?") und nickt dann auch weg, den Kopf seitwärts hängend.
Die uns begleitende Sozialpädagogin, die nach der Führung eigentlich noch eine Gesprächsrunde anregen wollte, hat der Mut verlassen. Auf Diskussionen mit uns hat sie definitiv keinen Bock mehr - schade.

Wir düsen wieder ab ins Arbeitslager. Oder doch lieber Arbeitslosenreaktivierungsundintegrationslager? Prekariatswerkhof? Gelände zur zwangsweisen Durchführung einer Maßnahme?

Es ist Mittag. Ich sitze in der Kantine, esse Spinat mit Ei und Kartoffeln und habe vor mir die ZEIT mit einem (größtenteils bereits gelesenen) mehrseitigen Artikel über Schlafmangel in unserer Gesellschaft liegen. Dieses Thema scheint momentan recht populär zu sein, zurecht. Die wenigstens Menschen (egal ob tüchtig oder arbeitsscheu) heutzutage wissen um den Wert gesunden Schlafes. Sie können sich nicht mehr entspannen, sind ständig "on edge" - selbst in der Freizeit dröhnen sie sich permanent mit lauter Musik, Computerspielen oder Fernsehen zu. Aus dem Mangel an Entspannung resultiert die Unfähigkeit zur Konzentration, das hat manch einer schon vor über 50 Jahren erkannt (siehe z.Bsp. Erich Fromm, "Die Kunst des Liebens", Seite 125).

Selbst Kleinkindern sieht man permanent ihre Müdigkeit und ihre falsche Ernährung. Nur mal so nebenbei gefragt: Ist es normal, dass die meisten Kinder von 3-8 Jahren zwar zärtliche aber deutlich sichtbare blaue Augenringe haben?


Mir gegenüber nehmen drei Frauen aus meiner Gruppe Platz. Ihre Jacken ziehen sie nicht aus. Hektisch essen sie ihre Nudeln mit Wurstsoße, lamentieren dabei erbost über diese verdammte Maßnahme, die ganze Scheiße und so weiter. Nachdem die letzte Nudel verschlungen ist, stapeln sie unverzüglich ihre drei Teller zusammen und eilen raus in die Kälte, zur Raucherinsel.

Ich sitze immernoch da, mein Teller ist inzwischen fast so leer wie die Kantine. An einem Tisch sitzt noch die sozialpädagogische Belegschaft und unterhält sich entspannt. Ein paar KerleKurzhaarschnitt und Hoodlum-Kappus kommen mit weit aufgerissenen Mäulern herein, sie gähnen lange und ausgiebig im Akkord. "Is ganz schön ansteckend, wa?" sagt der Vorgähner.

Live fast, die young.


Der Zeitungsartikel macht später noch in der Gruppe die Runde und hätte vielleicht fast eine Unterhaltung und Sensibilisierung für dieses Thema ausgelöst, wäre nicht die Hälfte von uns plötzlich wegen irgendeiner Nichtigkeit abberufen worden.

Wie wär's mit Müdigkeitsaufrechterhaltungsanstalt 2010?

Freitag, 24. Dezember 2010

Tag 10

Das ganze Lager ist in heller Aufregung! Die Kinder der Lagerschule jauchzen und halten sich an den Händen, junge Mädchen knüpfen Kränze aus Eisblumen und werfen sie alten Männern, die mit ihren Schneeschaufeln auf der Straße Tango tanzen, zu - eine gar festliche Stimmung hat sich erhoben.
Offenbar sind die kräftigen Männer von der Abteilung Bau recht tief ins Gestein des angrenzenden Gebirgs vorgestoßen; sie haben einen großartigen Schatz entdeckt. Er ist trotz erdiger Verschmutzung gar prächtig anzusehen, schimmert goldgelb und zeigt sich in einer Viefalt an urigen und geheimnisvollen Formen, es haftet noch der reiche Duft eines langen Lebens tief unter der Erde an ihm - noch nie hat man solches Glück gespürt! Und jeder darf daran teilhaben!

Frenetisch ließ man die Arbeit ruhen...

...denn was da zutage gefördert wurde war: ein gigantischer Haufen Kartoffeln!


Unsere Dozentin Fr. W. ist sofort in großer Alarmbereitschaft! Dies muss der Tag sein, auf den sie sich ihr ganzes Leben lang vorbereitet hatte. Das harte Training in ost- und westdeutschen Kantinen, all die Entbehrungen die solch ein 24-Stunden-Job mit sich bringt, die didaktischen Weiterbildungen, die Überstunden im Büro: nun soll es sich auszahlen!

Sie reagiert fachmännisch und effizient: ausnahmslos alle Küchenfachkräfte werden zum Kartoffelschälen in die Küche geschickt, jetzt muss jeder ran! Egal ob alt oder jung, ob kräftig oder gebrechlich - die Kartoffeln müssen weg! Nur der ehemalige Ganster, der Soviet und der Chefkoch sollen noch kurz bleiben: Brainstorming ist angesagt! Wir brauchen Kartoffelgerichte, möglichst viele und zwar schnell. Suppe? Dauert zu lange. Lasagne? Zu aufwändig! Wie wäre es mit Klößen? Hatten wir doch letzte Woche schon.
Zum Schluss einigt man sich auf Salzkartoffeln, -puffer und ähnliche Formen gutdeutscher Bauernskost. Dazu ein paar Würstchen angebraten und die Gemüsereste zu Kartoffelsalat verarbeitet - ein großer Festschmaus steht an.

Das verbliebene Service-Personal putzt die Flure und Fenster, wischt den Staub, poliert das Besteck. Wer immernoch nichts zu tun hat wird zum Pausemachen und Kaffeetrinken in die Kantine abkommandiert: Auf keinen Fall sollen jetzt in dieser Sternstunde irgendwelche herumlungernde Gestalten den Eindruck vollendeter Triebsamkeit verwässern.


Eine Stunde später: Während die meisten immernoch mit dem Putzen, Schälen, Schneiden und Zurechtlegen unseres Grundnahrungsmittels #1 beschäftigt sind, sitze ich mit der Fee und ihrem Kernkompetenzteam bei Tisch. Unsere Aufgaben sind vorerst erledigt. Wir müssen zwar noch bis 12 Uhr eine schon lange geplante Weihnachtsfeier für 20 Personen vorbereiten, kommen aber erst 11:30 Uhr in den entsprechenden Raum hinein. Unsere Dozentin hat der Arbeitswahn gepackt: Sie gibt uns wieder Übungsaufgaben - ein 5-Gänge-Menü sollen wir ausarbeiten. Die Fee lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, will sich lieber erstmal von den Strapazen erholen, außerdem hat sie Rückenschmerzen. Ihre Kumpanin erwähnt beiläufig, dass sie ihren Lebenspartner fast jeden Tag nach der Arbeit mit einer Rückenmassage verwöhnt und so kommt es natürlich zu der einzig folgerichtigen Verbindung: eine 20-minütige Rückenmassage, im Sitzen.

Die sanftmütige Masseurin hat kräftige Hände und beherrscht ihr Handwerk sehr gut, die Fee sitzt ganz still und lässt sich genüsslich bearbeiten, kanalisiert dabei ihr immernoch ungebrochenes Mitteilungsbedürfnis in die Tastatur ihres Mobiltelefons. Eine Atmosphäre der Ruhe und Glückseligkeit breitet sich aus. Das durch die massive Holztür angenehm gedämpfte Klappern, Scheppern, Surren und Murren aus der benachbarten Kantine stört die regelrecht klangvolle Stille nicht im Geringsten.

Um die beiden Domänen deutschtümlicher Weiblichkeit in ihrer friedlichen Zweisamkeit nicht zu stören, nehme ich ein Buch zur Hand. Dem anwesenden älteren Herren (der offenbar immernoch auf der Suche ist) scheint hingegen angesichts der sich hier vor ihm verhüllt-entblößenden Erotik ein wenig mulmig im Bauch zu werden, doch verharrt er auf seinem Platze, sagt nichts, bewegt nichts, blickt nur immer wieder scheu hinüber.

O blossom that hangs in the tremulous air! O blossom with lips of snow!

Der Rest des Tages geht schnell vorrüber. Tische und Gedeck für die Weihnachtsfeier sind schnell aufgestellt. Für das große Kartoffelessen richten wir eigens einen Raum zurecht, der normalerweise als Stützunterrichtsraum dient. Er hat kleine Kellerfenster die von außen mit Rollläden abgedunkelt sind, der Boden wurde seit Monaten nicht gewischt und ist übersäät mit Kreidestaub.
Ich öffne die Rollläden und die Fenster, lasse frische Luft herein, der nette Algerier weist mich unterdessen an der Rolltafel in arabische Kalligraphie ein
Wir tragen noch einige Tische und Stühle aus einem anderen Unterrichtsraum hinzu, in welchem gerade (oder dem verqualmten Gestank nach zu urteilen schon seit geraumer Weile) vier alte Bauarbeiter Pause machen, Kreuzworträtsel lösen, einer isst Fettbemmen. Wir formen die Tische zu einem großen Quadrat (mit Lücke) in dessen Zentrum zwei Tische als Kartoffelbuffet aufgestellt werden. Wenig später werden auch schon nach und nach die Töpfe, Pfannen, Schüsseln und Teller mit den duftenden Kartoffelspeisen herangetragen, durch die langen Flure, vorbei am Bauarbeiterpausenraum.

Einer der Bauarbeiter wittert Beute (obwohl ich seine Tür wegen des trotz angekippten Fensters wirklich sehr üblen und irgendwie rätselhaften Gestanks stets geschlossen hielt), tritt in den Flur und fragt, ob er nicht auch von den gutriechenden Kartoffelspeisen probieren könne, denn er habe großen Hunger und besitze überhaupt kein Geld um sich ein Mittagessen für 2,50€ in der Kantine zu kaufen. Er ist ein hagerer, kleiner Mann unbestimmbaren Alters, spricht in höflichem bis unterwürfigem Ton und weckt Mitleid in mir. Ich verspreche ihm, meine Vorgesetzte oder einen der Köche zu fragen und verheiße ihm, dass nach unserer Speisung ganz bestimmt etwas übrig bleiben wird.

Dieser Schwerenöter ist unserer Dozentin wohlvertraut. Er sei notorisch dafür bekannt, nie Geld zu haben und jeden um sein Essen anzubetteln, sie aber habe schon vor einiger Zeit die Geduld mit ihm verloren - jeder bekomme das Geld vom Amt, das er zum Leben braucht, man muss sich sein Geld eben einteilen und darf nicht alles für Alkohol, Starktabak und sonstige Gelüste ausgeben - das sollte auch er endlich mal lernen.
Ich schlage vor, einen Kurs "Gutes Leben mit Sozialgeld" im Lager einzuführen, das wird ja bereits an so manchen Hauptschulen erfolgreich praktiziert.

Am Ende bleibt doch noch recht viel von der Kartoffelspeisung übrig, der arme Mann bekommt seine Almosen und verzieht sich in artiger Dankbarkeit zurück in den verqualmten Pausenraum.

♥ Benutzt doch mal die Klobürste !!!! ♥

Und der letzte mache doch bitte das Licht aus.

Samstag, 18. Dezember 2010

Tag 9

Eine neue Woche ist angebrochen, aber ohne mich: Ich war zwei Tage krank. Nun ist es Mittwoch und ich betrete gut erholt und frohen Mutes die bereits recht vertrauten Stätten der Verderbnis.
Es ist 10 nach 8 und die Stimmung im in der Gruppe ist recht gut. Es gibt wieder neue Teilnehmer, ein paar alte Gesichter sind wieder da, ein paar Leute fehlen. Die Grüppchen sind im Wesentlichen dieselben geblieben, zum Tisch des jungen Kernkompetenzteams (zu welchem ich mich leider zählen muss) hat sich als Neuzugang ein gut gekleideter Algerier gesellt, mit welchem ich mich im Verlaufe des Tages über Linguistik, Mathematik und kosmische Relativität unterhalten werde. Er spricht deutsch, arabisch und französisch (ich hingegen nur deutsch und sehr passables englisch) und zeigt sich sehr interessiert an den semantischen Unterschieden der einzelnen Sprachen, auch lernt er hier bei uns gerade eine neue Sprache kennen: Lagerdeutsch.
Die angenehme Unterhaltung hätte beinahe eine Ausländerintegrationsdebatte mit einer der Alteingesessenen ausgelöst, dies konnte ich aber zum Glück gerade noch rechtzeitig verhindern. Wir einigen uns mit ihr darauf, dass Deutsch eine der schönsten Sprachen ist, dass aber auch alle anderen Sprachen und Kulturen ihre ganz besonders schönen Eigenheiten haben und man diese von außen sowieso niemals einschätzen können wird.


Doch es liegt mal wieder ein Schatten über dem Lager: die Arbeit. Am Donnerstag soll ja eine Weihnachtsfeier für 20 Personen durchgeführt werden und unsere Abteilung muss dafür bluten. Außerdem kommen gegen Mittag 7 Personen zum Mittagessen, die vornehm bedient werden sollen. Der freundliche Algerier und ich werden als Freiwillige abkommandiert. Wir bekommen weiße T-Shirts und orangefarbene Schürzen umgebunden und sollen in diesem Outfit einen Tisch in der Kantine professionell herrichten, inmitten all der schon fleißig mampfenden Bau-, Metallarbeiter, welche dieses Schauspiel durchaus mit hämischen Worten und Blicken überziehen.
Zu meiner Überraschung scheinen die viel zu spät erscheinenden, geladenen Gäste auch aus den o.g. Berufgruppem zu kommen, oder vielleicht doch aus dem kaufmännischen Bereich? Irgendwie sehen die sich hier alle sehr ähnlich, ich kann da kaum noch definierte Unterschiede erkennen. Sie riechen allesamt nach altem Schweiß und starkem Tabak, ihre Haare sind so dunkelgrau wie ihre fahlen, bartüberwuchterten Gesichter, die Augen ausdruckslos, die Hände schmutzig wie Jacke und Hose, die anzüglichen Sprüche gegenüber dem jungen, blondierten und unfein geschminkten Kassenmädchen sind stets dieselben.

Nur einer, der sitzt immer alleine. Er isst nicht, er trinkt Kaffee oder Tee. Zwar ist auch er alt und matt, doch stets gut rasiert. Meistens wendet sich sein resignierter Blick zum Fenster raus. Denkt er dabei an Frau und Kind am heimischen Herd in einer längst von Eis und Dreck begrabenen Vergangenheit? Ob er wohl schon sehr lange hier im Lager schuftet?

Uns geht's da wohl vergleichsweise gut.

Unsere Abteilungsleiterin Fr. W. scheint von der Obrigkeit ermahnt worden zu sein. Haben die Plätzchen etwa nicht geschmeckt am Freitag? War der Kaffee nicht heiß genug? Hat der Tee nicht gemundet? Wir müssen die Teebeutel nunmal auf einem platten Teller kredenzen, weil der Erwerb eines Teekastens oder einer Teedose mit dem Budget unserer Abteilung nun einmal nicht zu machen ist. Soll Fr. W. nun etwa den Kopf herhalten für solche systemimmanenten Fehlplanungen?
Sie trägt den Frust nach unten weiter. In strengem Ton liest sie uns noch einmal mit voller Bestimmtheit die Hausordnung vor und unterstreicht dabei, dass in den Arbeitsräumen nicht gegessen werden darf, Zeitungen, Rätselhefte, Bücher und anderweitige Freizeitgestaltungs-Utensilien haben auf den Tischen nichts zu suchen, dasselbe gilt für Trinkflaschen und schlummernde Köpfe. Auch gibt es keine willkürlichen Raucherpausen und das Gelände darf sowieso nicht ohne Genehmigung verlassen werden, die Jacken gehören in die Garderobe und die Mobiltelefone werden entweder auf stumm geschaltet oder eingezogen.

Unsere immernoch sympathische Dozentin lässt sich übrigens jeden Morgen von "Guten Morgen, liebe Sorgen", gesungen von Adrea Berg o.ä. wecken.
Auf die Belehrung folgt mal wieder weichgespülter und ausgebleichter Unterricht zum Thema Wäschewaschen, unterbrochen von der panikartigen Erkenntnis, dass wir 14 Uhr nochmal Kaffee und Gebäck für 12 Personen in der Kantine vorbereiten sollen (hat Fr. W. scheinbar vergessen).

Der Tag endet damit, dass unsere Sozialpädagogin den Vorschlag macht, am 23. Dezember eine Weihnachtsfeier für uns selbst zu veranstalten. Das ist natürlich völlig absurd und quasi der Gipfel der fremdbestimmten, sinnlosen Zwangsarbeit, denn nach Feiern ist hier in diesen Räumlichkeiten natürlich niemandem zumute. Nicht zuletzt aufgrund des strikten Alkoholverbotes droht das eine wahnsinnig zwanghafte und unlustige Veranstaltung zu werden, dennoch heben sich bei der Abstimmung zögerlich ein paar Hände und die Sache ist gebongt. Der ehemalige Gangster wird zum Kulturbeauftragten ernannt und die Blonde (in Abwesenheit) zur Managerin für F&B (Food and Beverage, also Kekse und Kinderpunsch).

Da hab ich ja endlich eine Bühne für mein Weihnachtsliederprogramm, vielen Dank auch!

Freitag, 17. Dezember 2010

Tag 8

Es ist Freitag in Deutschland und es gibt noch viel zu tun: Die feinen Herren der Lagerleitung haben mal wieder ihre Kollegen, Seilschaften, Kumpane und deren Frauen zum nachmittäglichen Kaffee- und Kuchen-Schmaus im Konferenz-Raum eingeladen, unsere Abteilung soll entsprechendes Gedeck, Gesteck und Gebäck für 30 Personen organisieren und an Ort und Stelle schaffen. Schmecken soll's der Obrigkeit, und hübsch aussehen noch dazu.

Nicht im Bild: Backwaren und Lackschuhe


Kinderspiel für unsere Jungs und Mädels! Mit Schwung und Elan schreiten wir zur Tat, oder besser: Unsere jungdynamische (und leicht trullige) Blondine (ich nenne sie ab sofort "die Fee", übernimmt mit einem bereits assemblierten Kernkompetenz-Team die Planung und Durchführung dieser Aufgabe.

Ihre rechte Hand: der (ehemalige) Gangster. Er ist Ende 20, könnte aber auch als Anfang 20 durchgehen. Sein Erscheinungsbild wirkt auf den ersten Blick martialisch: Die körperbetonte schwarze Lederjacke ist robust und hartnäckig, seine schwarzen Bart- und atavistisch zur Nase verlaufenden Brauenhaare erinnern an hunnische Kriegsbemalung, sein diabolisches Grinsen ist breit und fugenreich und bringen kleine, scharfkantige Zähne zum Vorschein. Nur seine Augen lassen manchmal erkennen, wie verletzlich er doch in seinem Inneren ist.

Er befindet sich hier nicht in seinem Element. Seine gespielte Verbalkonfrontationslust ergibt in unserem drögen Aufenthaltsraum für abgestellte Arbeitsunfähige ein ebenso trauriges Bild wie seine fette, schwarze Gangsterkarre die draußen im Matsch darauf wartet, endlich wieder zum Sound von Busta Rhymes durch die Plattenbausiedlung zu cruisen.

Man sieht ihn immer an der Feen Seite. Ohne Beschwerden hilft er ihr bei jedem Handgriff, lässt sich von ihr führen, arbeitet ihr zu, bedeckt sie mit Komplimenten. Er steht meistens schräg hinter ihr. Gilt es, die arbeitsscheuen Schwätzer zum Verrichten der weniger glorreichen Aspekte des gastronomischen Berufslebens zu verdonnern, dann kann sie stets mit seiner lautstarken Unterstützung rechnen. Bei Fragen kulinarischer Natur ist auf seine fachliche Kompetenz Verlass. Was sie dirigiert, wird von ihm notiert, muss sie polieren, will er sortieren; er murrt nicht, er knurrt nicht, er ist ganz für sie da. Und wird seiner Herrin der kompakt-eingebundene, füllige Leib einmal träge dass sie sich gar ausruhen muss, verwandeln sich seine kräftigen Beine in warme Sitzkissen, seine stolze Brust wird zur Rückenlehne, der Hauch seines Atems streichelt ihre Nackenhaare, sein Herzschlag pulsiert in ihrem Gewebe.


Die anderen Mädels des Hauses schauen immernoch argwöhnisch und besorgt zur Fee herüber. Erst nahm sie ihnen ihre einträchtige Genügsamkeit, jetzt nimmt sie ihnen auch noch den attraktivsten Mann aus ihren Reihen. Vor einer Woche noch schob auch er humoristisch-respektlose Steilvorlagen unserer Dozentin zu, jetzt legt er plötzlich ein unangebracht würdevolles Benehmen an den Tag, gänzlich auf unsere gute Fee ausgerichtet.

Unserer Dozentin Fr. W. gefällt dieser ungeahnte Anflug von gesunder Arbeitsmoral sehr gut. Schon nach der Frühstückspause lässt sie sich plötzlich theoretische Aufgaben für uns einfallen. Wir sollen eine imaginäre Hochzeits- (30 Personen) und eine Geburtstagsfeier (50! Personen) bis ins Detail durchplanen: Erstellung realistischer Angebote, Kalkulation von Preisen für Speis und Trank, Checklisten, Arbeitsabläufe für Service und Küche, Tafel- und Serviettenform, Gedeck-Arten, Zusatzleistungen und alles was dazu gehört, inklusive der formgerechten Ausarbeitung eines Vertrags mit dem Auftragsgeber.
Um die bereits recht fortgeschrittene Zusammenrottung (die Fee und ihr vierköpfiges Kompetenzteam; der Chefkoch und seine achtköpfigen Freunde; alle anderen Teilnehmer sind entweder krank, in der Küche oder beides) innerhalb der Maßnahme wieder aufzulösen schreibt sie willkürlich die Namen aller Anwesenden unter den jeweiligen Auftrag an die Tafel und gibt uns Zeit bis 14 Uhr.
 
Work in Progress

Die Resultate sind leider nur ideeler Natur. Die Grüppchen bleiben unter sich, die Erledigung der Aufgaben driftet schon weit vor der Mittagspause endgültig ab in private Gespräche (der ehem. Gangster erzählt natürlich von seiner Ex und wie gut er zu ihr war; die Fee ist mit ihrem Boyfriend sehr unzufrieden), der Nachmittag ist sowieso für das Kaffeechefkränzchen im Konferenzraum verplant und dann ist auch schon Wochenende.

Ob es wohl ein Wiedersehen geben wird?

Montag, 13. Dezember 2010

Tag 7

Am siebten Tage sollst du ruhn. Nicht so bei uns im Arbeitslager. Schon während meiner Ankunft pünktlich um 8 Uhr beschäftigt Fr. W. ihre Schützlinge mit den Kalkulationen für die heutige Tagesaufgabe: Es soll Spätzle geben! Der Soviet, der inzwischen zu fünft an seinem russischsprachigen Stammtisch sitzt und sich eigentlich durch nichts aus der Ruhe und aus dem Gespräch bringen lässt, meldet sich zum Schluss sogar freiwilllig, die Operation durchzuführen.

Es ist 8:35 Uhr, die erste Phase der Operation ist angelaufen, nur noch 13 einsame Seelen sitzen im Raum und wissen nichts mit sich anzufangen. Man bemerkt, dass die Hälfte der Heizkörper nicht funktioniert. Ein älterer, schlichter, gemütsruhiger Herr, welcher erst seinen zweiten Tag im Lager feiert, macht sich deshalb warme Gedanken und strengt eine gar angeregte Unterhaltung mit der ihm gegenüber sitzenden 39jährigen, mütterlich wirkenden Frau an. Diese antwortet stets freundlich und gallant, lässt aber später in seiner Abwesenheit durchblicken, dass er wohl "auf der Suche" zu sein scheint, sie kein Interesse an ihm habe und er sowieso ständig den Frauen auf die Brüste guckt, wenn sie gerade nicht hinsehen.

Warum schreibe ich hier solch banalen Unfug? Weil ich ihm nicht entgehen kann. Obwohl ich doch die ganze Zeit mich mit meinen Denksportheften beschäftige, kann ich die Konversationen meiner Umgebung einfach nicht überhören. Ich experimentierte bereits am dritten Tag mit Ohrstöpseln, diese boten aber einfach nicht genügend Schutz.
Der einzige Ausweg ist also die Flucht. So ergreife ich die Gelegenheit, 9 Uhr zu dem am Vortag angekündigten Meeting zu gehen: Die größte Zeitarbeitsfirma Deutschlands stellt sich vor.

Der Konferenzraum ist sehr gut gefüllt und ich gewinne den Eindruck, dass die Insassen der Abteilungen Bau und Metall quasi zur Anwesenheit gezwungen wurden, sie nehmen die meisten Plätze ein und scheinen sehr schlechte Laune zu haben. Ich nehme Platz zwischen Friseußen und Bauarbeitern und höre mir an, was die (wen wundert's) kränklich aussehende Frau von der Firma zu sagen hat. Die Firma existiert schon 50 Jahre, ist Marktführer in Deutschland und der Bedarf an Zeitarbeitern inzwischen so groß geworden, dass sogar stets ortsnah Leute gesucht werden, man also nicht mehr quer durchs Land reisen muss um zu arbeiten. Sie spricht von Mindestentgelten, Zeitkonten und Arbeitsverträgen und stellt die Behauptung auf, dass feste Mitarbeiter teilweise "schlechter gestellt" wären als Zeitarbeiter ihrer Firma. Während ihres Vortrages drängen immer mehr Leute in den Raum und fügen ihre ganz eigenen Duftmarken dem bereits bemerkenswert übelriechenden Raumklima hinzu. Meinem Immunsystem wird schlagartig schwindelig.
Aus Gründen mangelnder Vorbereitung vermeide ich kritisches Nachfragen, auch will ich nicht allzuviel Aufmerksamkeit grober, schlecht gelaunter Männer auf mich ziehen. Auch von den anderen Teilnehmern gibt es kaum Resonanz, die Aussichten auf einen Job als Datentypist, Call-Center-Agent oder Sachbearbeiter locken niemanden hinter ihren jeweiligen Visagen hervor, ebensowenig die Ermunterung, dass man unbequeme Einsätze doch locker mit "Zähne zusammenbeißen" und Hoffen auf einer bessere Zukunft überstehen könne. Erst die Ankündigung, dass der Zeitarbeitsmarkt nächstes Jahr nach Osteuropa hin geöffnet werde (und somit osteuropäische Zeitarbeitsfirma in der BRD agieren können), ruft spontane Rufe der Empörung hervor, wie z.Bsp. "die können drinnen bleiben" - wobei hier bemerkenswert ist, dass von "drinnen" statt "draußen" die Rede ist.

Deutschland als Wildnis, als Ödland, als Wüste. Bleibt in euren Häusern, hier gibt es nichts mehr zu holen.

Die Frau mit dem folgerichtigen Titel "Consultant Arbeitsamt Projekte" beendet die Veranstaltung mit den Worten "Sie dürfen wieder zurück" - man freut sich auf 'ne Kippe und stampft heraus ins den Schnee und in seine jeweiligen Baugruben.



Zurück im charmanten Zwangsrestaurant: Es sind bloß noch ein paar Frauen anwesend die sich über ihr Alter und Privatleben unterhalten. Mir fällt dabei auf, dass ich das Alter der meisten Frauen ganz falsch eingeschätzt hätte, viele sind um die 40, Sprechweisen, Kleidung und konturlose Gesichter lassen sie aber eher wie Anfang 20 wirken, sofern sie nicht eine auffallend gebückte Körperhaltung an den Tag legen. Im Prekariat scheint auch die Zeit nur müßig vorranzuschreiten.

Ein paar Stunden (und viel Tee gegen die Bauarbeitergrubenviren) später sitze ich immernoch im Bistro als gegen 14 Uhr fast die ganze Meute von der Spätzle-Verköstigung zurückkommt und sich ganz aufgeregt und wütend zeigt. Ein Eklat! Unsere Dozentin hat in taktischem Mißgeschick geäußert, dass man die junge, motivierte, schnippische Blondine doch zur "Klassensprecherin" ernennen könnte. Die ganzen alteingesessenen Frauen sind hochgradig empört darüber und belegen die Abwesende (sie durfte schon 14 Uhr nach Hause, wegen ihres Kindes) mit allerlei Flüchen und verbitten es sich auf Vehementeste, von so einer "blöden Tussi" bevormundet zu werden.

Sind die Tage der stillen Eintracht bereits gezählt?


Dies könnte der Beginn einer soziologisch recht interessanten Entwicklung sein: Wie wird sich das Volk mit der Tatsache arrangieren, dass eine junge, arbeitswillige und um kein freches Wort verlegene Fachkraft unsere phlegmatische Dozentin dazu inspirieren könnte, ab sofort tatsächlich mal etwas (wenn auch nur simulierte) Arbeit hier ins Lager zu holen?

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Tag 6

Der zweite Advents-Sonntag ist vorrüber, eine neue Woche bricht an und bietet Raum für Erfrischung und Veränderung.

1. Wir dürfen uns wieder jeden morgen im "Restaurant" einfinden, welches ja letzte Woche noch durch eine Tombola und andere weihnachtliche Festlichkeiten belegt war. Vorbei das schnöde Bankdrücken im Klassenzimmer, endlich können sich wieder die Grüppchen an ihre jeweiligen Tischchen setzen und unter sich sein.

2. Es gibt wieder Frischfleisch. Vier oder fünf Neuankömmlinge allen Alters denen es ins Gesicht geschrieben steht, dass sie ihr Glück kaum fassen können. Die eine (jung, blond, schnippisch) freut sich sogar ein wenig darauf, in dieser Maßnahme nach dreijähriger Babypause ihre Kenntnisse aufzufrischen - sie wird wohl noch enttäuscht werden.
3. Die fleißigen Floristen haben (wohl schon am Freitag) aufwändigen Weihnachtsschmuck im ganzen Saal aufgestellt (nicht aufgehängt). Dünne, reich belegte Bäumchen mit Kügelchen und Lichterkettchen um deren Standfestigkeit es beinahe so gut bestellt ist wie um ihren ästethischen Gesamteindruck.

Ich betrete den Raum also pünktlich um 8 Uhr, grüße verhalten den sovietischen Vierertisch zu meiner linken, setze mich allein an den kleinen Tisch daneben und bin recht froh, so für mich allein sein zu können. Diesmal habe ich Literatur und Denksporthefte dabei, bin also adäquat vorbereitet.
An dem einen Tisch sitzen so um die 10 lautstarken Leute (u.a. der "Chefkoch"), am anderen Tisch die etwas gemäßigteren Frauen (u.a. die Abiturientin). Es gibt Kaffee mit Geschwätz, man bereitet sich vor auf einen weiteren Tag des Zeittotschlagens in der geistigen Ödnis.

Von meinem jugoslawischen Sportsfreund ist nichts zu sehen - ob er wohl den Job als Fitnesstrainer bekommen hat? Zu wünschen wäre es ihm.
Mein Entschluss, selber bald dieses Fitness-Center zu besuchen ist nun um einen weiteren Grund reicher.

Unsere wackere Dozentin sitzt am Tisch der Neuankömmlinge und nimmt ein paar persönliche Daten auf, danach Anwesenheitskontrolle, alles wie gehabt.
Laut Inventur mangelt es an Kaffeetassen, offenbar sind einige zu Bruch gegangen, niemand weiß davon. Fr. W. winkt ab und verabschiedet sich erstmal für ein knappes Stündchen um irgendwelche organisatorischen Dinge zu erledigen (z.Bsp. Lehrbücher zurück ins Sekretariat schleppen). Dass man jetzt erstmal wieder 'ne Weile lang nichts zu tun hat, verwundert oder stört außer den Neuankömmlingen niemanden so richtig, es gibt ja schließlich immernoch genug Kaffee und Geschwätz.
Zwischendurch kommt auch mal eine unserer Sozialpädagoginnen herein und hängt ein Infoblatt an die rollbare Tafel: morgen früh um 9 stellt sich die größte Zeitarbeitsfirma Deutschlands im Konferenzraum des Lagers vor und alle sind herzlich dazu eingeladen. Dann bittet sie mich und zwei andere in einen Nebenraum um aus irgendwelchen Gründen (die auch ihr selber nicht so ganz klar zu sein scheinen) von uns noch schnell einen politisch/geographischen Multiple-Choice-Test bestehend aus 9 Fragen ausfüllen zu lassen. Die europäische Kommission befindet sich in Brüssel, nicht in Straßburg, oder? Die Hauptstadt von Hessen ist Wiesbaden - wusst ich's doch!

Zurück im inzwischen recht warm und stickig gewordenen Zwangsrestaurant kommt Fr. W. herein und sortiert sichtlich genervt und nicht zum Scherzen aufgelegt ein paar Unterlagen. Der blöde Verlag hat mal wieder die Rechnungen nicht getrennt. Gegen 9 Uhr, also nach anderthalb Stunden untätigen Herumsitzens fällt der Satz "ihr könnt dann erstmal Pause machen" welcher auf sich schnell wieder verflüchtigende Verwirrung stößt.


20 Minuten später geht's endlich los! Die heutige Tagesaufgabe für die Küchenleute: Soljanka kochen! Freiwillige vor! Ein paar Leute vom lauteren Tisch entschwinden hinüber ins ALDI.

20 weitere Minuten später beginnt Fr. W. mit den Hinterbliebenen eine Unterrichtseinheit, die sich in behäbigen Tempo über den ganzen Tag erstrecken wird: Hygiene & Sicherheit. Und das lohnt sicht, denn alle körperlich Anwesenden bekommen einen Stempel in ihren Gesundheitspass!

Hierbei enstehen wieder ein paar interessante Diskussionen: Gibt es in Deutschland eine Hackfleischverordnung? Was passiert, wenn man heißes Wasser in eine heiße Friteuse kippt? Wie lange muss Geflügel gebraten werden um die Salmonellen zu abzutöten? Und wie lange dürfen menstruierende Frauen in der Küche arbeiten bevor die Suppe sauer wird?

Noch nicht sauer geworden: Pommes, Wiener, Ketchup

Nach einer Stunde macht sich Nikotin- und/oder Sauerstoffmangel bemerkbar und es fällt die Forderung, doch mal 'ne Pause zu machen - die schlagfertige Reaktion der inzwischen wieder aufgetauten Dozentin: "Was, ihr wollt 'ne Raucherpause machen? Ich will 'ne Trinkerpause machen!"

Diese Pause dauert natürgemäß weitaus länger als eine Zigarette lang und man beginnt damit, sich lustige Audio-Clips von seinen Handys vorzuspielen; ein regelrechter Wettbewerb zwischen dem lauten und dem gemäßigten Tisch entbrennt, jeder Clip wird mit einem nächsten gekontert. Die Leute feixen gar fröhlich vor sich hin und mir wird klar, dass der Klingelton- und Handybespaßungsanbieter "Jamba" tatsächlich zu existieren scheint und nicht bloß ein Running Gag der spätabendlichen Fernsehprogrammdirektoren ist.

Auch sonst habe ich an diesem Tag noch viel gelernt: dass in der Sovietunion erfolgreich Bandwürmer zur Gewichtsreduktion eingesetzt wurden (tatsächlich interessant), dass der Schimmelreiter nichts mit Pilzen zu tun hat (ein recht üblicher Irrtum), dass in einem Sanitätskasten nicht zwangsläufig Pflaster und Schere zu finden sein müssen (frische Luft ist eh viel besser), dass Mobbing gegenüber einem nichtgrüßenden und niemalslächelnden Küchen-Azubi (der immer mal wieder durch unseren Raum zwischen Kantine und Eingang eilen muss) nicht allzu verwerflich ist, dass Asiaten kein Englisch (dafür aber deutsch) können und dass (ganz ohne Spaß) Englisch "ja sogar in Amerika gesprochen" wird.


Nur wie lange ich das Gewäsch dort möglichst unter Beibehaltung meiner geistigen Gesundheit noch aushalten kann, das hat mir bisher keiner erklärt.

Montag, 6. Dezember 2010

Tag 5

Ich konnte nach halbstündigem Tauziehen mit meiner Arbeitsvermittlerin erwirken, dass ich von nun an nur noch 30 statt 38 Stunden im Arbeitslager verbringen muss, da ich schon seit Monaten einen realexistierenden Nebenjob in den Abendstunden habe. Das Tauziehen fand in keinem formalrechtlichen Rahmen statt, ich habe einfach nur die von der Vermittlerin einstudierte Einschüchterungstaktik mit der beharrlichen Aussage gekontert, dass es unzweckmäßig, willkürlich, irrational, sinnlos, unzumutbar und kontraproduktiv wäre, mich im Arbeitslager Däumchen drehen zu lassen und mich dadurch zur Aufgabe bzw. starken Reduzierung meines tatsächlichen Nebenerwerbs zu zwingen. Allerdings musste ich "versprechen", in Zukunft noch mehr Geld damit zu verdienen und somit meine "Hilfebedürftigkeit" weiter zu verringern als bisher. Im Januar möchte die gute Frau dann "entscheiden", wie's weitergeht.

Trotz dieser (für mich erstmaligen) Konfrontation mit ihr, habe ich sie freundlich verabschiedet. Auch lies sie mich noch wissen, dass sie schon längst "in der Klappse" wäre, würde sie ihre Arbeit mit nach Hause nehmen.


Dies hat mich den ganzen Vormittag gekostet, aus Solidaritätsgründen bin ich dann gegen 13 Uhr im Arbeitslager erschienen um der Truppe bei den Vorbereitungen zu helfen. Das Timing war gut, die Aufbauten konnten sowieso erst 13 Uhr fortgesetzt werden, weil die Kantine bis dahin noch mit Arbeitern jeglicher Coleur besetzt war.
Besondere Vorkommnisse gab es diesmal kaum. Die Truppe war meistens so ca. 20-40%ig ausgelastet, die anderen standen rum und schauten auf die Uhr. Ich habe Fr. W. nochmals empfohlen, sich etwas besser durchzusetzen und evtl. auch mal ein oder zwei Langzeitinsassen als Unteroffiziere zu ernennen, um die Arbeit effizienter zu verteilen. Vielleicht hat sie es sich zu Herzen genommen, umgesetzt hat sie es aber nicht.
Fr. W. hat am Vortag schon angekündigt, dass wir bestimmt ca. 'ne viertel Stunde überziehen müssen und dafür um Verständnis geworben, schließlich hatte sie uns ja auch die ganze Woche lang immer 5-10 Minuten vorzeitig entlassen. Als die Uhr sich gen Feierabend neigte war von diesem Verständnis natürlich nicht viel zu sehen, man lies seine behäbige Gleichgültigkeit in betont-genervten Grummelton verlautbaren.

Unterdessen hielt unser Soviet jedes der von einer Teilnehmerin polierten Weingläser minutenlang genussvoll gegen's Licht um sich von der Sorgfalt der hier erledigten Arbeit zu überzeugen. Dies veranlasste ebendiese Teilnehmerin dazu, wutentbrannt durch den Raum zu stampfen und sich lauthals über diesen "verdammten Professor" aufzuregen, dass der sie schon wieder maßlos aufrege und überhaupt nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Sie sprach dabei niemanden direkt an, wollte es einfach nur alle wissen lassen wie sehr sie das gerade ankotzt.
Ich war ein zwar erstaunt über dieses Maß an Humorlosigkeit, wollte mich aber nicht einmischen.

Bizarr, fragil und ach so schön: Eisblumen am Glase


An irgendeinem Punkt fielen beim Auslagen des Besteckes obszöne Bemerkungen eines jungen männlichen Teilnehmers gegenüber der großen Abiturientin. Irgendwas mit Gabeln in Löffelchenstellung, und dass das ja auch mit Messern ginge (sie widersprach) und dass er ihr das auch durchaus mal zeigen könne. Ich konnte mir ein genervtes Stöhnen nicht gänzlich verkneifen, sie pflichtete mir bei. "Das wird auch alles immer dümmer hier."

Mit diesem Fazit entlies ich mich selbst ins Wochenende und in den zweiten Advent und sehe nun der nächsten Woche mit Spannung entgegen. Am Montag werde ich nicht anwesend sein, erst ab Dienstag wieder.

Samstag, 4. Dezember 2010

Tag 4

Diesmal erscheine ich erst kurz vor 8 Uhr, da ich am frühmorgendlichen Kaffeeklatsch nicht allzusehr interessiert bin.
Die über die zahlreich Anwesenden verwunderte Fr. W. versucht nach der Anwesenheitskontrolle jemanden zu Ermuntern, die inzwischen getrocknete Wäsche zusammenzulegen und einzuräumen. Hier sei bemerkt, dass wir uns immernoch in einem anderen Gebäude als unsere Wasch- und sonstige Küche befinden und eine Freiwilligenmeldung also mit einem 150m-Marsch durch phänomenale Schneewehen verbunden wäre. Auch nach mehrmaligem Bitten Einzelner sonst recht Eifriger Teilnehmer kann Fr. W. nur noch mit den resignierten Worten "dann mach ich's halt selber, is' mir doch egal" abwinken. Kurz darauf erbarmen sich dann doch noch zwei Mädels, und das nicht ganz ohne Stolz.

Der Unterricht vom Vortag wird fortgesetzt, es geht nun um Suppen-Einlagen im Detail. Gemüsesorten und deren geschmackliche Abstimmung, Schnittformen und deren Anwendungsbereiche und vieles mehr. So richtig interessieren tut das niemand, was evtl. daran liegen könnte, dass dies (laut der akribisch protokollierenden Empfangsdame T., welche ein Abiturzeugnis und ein stetig zusammenschrumpfendes Restpensum an Eleganz und Würde besitzt) nun schon zum dritten Mal in den letzten 8 Wochen abgehandelt wurde. Eine strukturierte und didaktisch sinnvolle Unterrichtsplanung (das Amt spricht hier von "Kenntnisauffrischung") ist weitgehend unmöglich, da jeden Montag neu aufzufrischendes Menschenmaterial hinzukommt ins Arbeitslager und weil eine Differenzierung zwischen Küche und Service nicht vorgesehen ist.

In der Frühstückspause komme ich kurz mit Fr. W. ins Gespräch. Sie meint, sie würde auch gern mal abends um 9 ins Bett gehen, doch ist sie da noch nie müde. Mein Vorschlag, einen Teil des Heimweges zu Fuß zu gehen statt den ÖVPN zu nutzen wird von den wiederkehrenden RauchergenossInnen und ihrem belanglosen Gerede überlagert.

Der mir sympathische jugoslawische Fußballtrainer (er will sich noch am selben Tag persönlich in einem Fitness-Center bewerben) kommt von einem Termin mit seiner erst seit zwei Tagen im Lager beschäftigten Jobvermittlerin zurück, ich sehe mir seine druckfrische Bewerbungsmappe an: kein Deckblatt, 0815-Anschreiben und -Lebenslauf, Telefonnummer und Foto fehlen. Dass es im Lager ein Fotostudio gibt hat man der jungen Jobvermittlerin bei ihrer Einarbeitung wohl vergessen mitzuteilen. Ich versuche ihn zu motivieren, die hier theoretisch gegebenen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen und biete an, mich auch nochmal mit ihm zusammen an den PC zu setzen. Er hat allerdings in 2 Stunden einen weiteren Termin mit einer Vermittlerin, lehnt dankend ab und schreibt seine Handynummer mit Kugelschreiber auf seinen Lebenslauf. Ich mache deutlich, dass das persönliche Auftreten sowieso das Wichtigste ist - leider macht er einen sehr bekümmerlichen Eindruck der von Tag zu Tag schlechter wurde.

Währenddessen ist zwischen Fr. W. und den vorderen Reihen irgendwie ein Gespräch über Shishas und Bongs zustande gekommen; Fr. W. versichert glaubhaft, dass sie von alldem keine Ahnung hat.

Die Mittagspause ist recht angenehm, der Ausgang unseres Gebäudes liegt auf der Südseite vor einem weiten Feld, über der dicken Schneedecke strahlt uns ein kräftiger Sonnenschein entgegen und lädt zum Verweilen ein.

Bei solch einem Wetter kann man schonmal sentimental werden
 
So komme ich mit dem Mann in der roten Jacke (der eigentlich Metallbauer und nicht Gastronom ist) ins Gespräch und unterhalte mich mit ihm über Musik. Mir fällt ein, dass ich zufällig Text und Noten von "Nun komm, der Heiden Heiland" dabei habe, erkläre ihm die Notation, singe ihm wiederholt vor und kann letztendlich ein paar Töne seiner schroffen Kehle entlocken. Er zeigt sich fasziniert davon, dass ich im Chor singe und scheint regelrecht inspiriert zu sein.
Ob ich wohl ein Weihnachtsliedersingen veranstalten sollte? Ich habe noch nie dirigiert. Mir scheint, in diesem Arbeitslager kann man viel lernen: Sozialkompetenz und Einfühlvermögen, Prozessoptimierung und Führungsqualitäten. Es bleibt spannend.

Der Nachmittag ist geprägt vom engagierten Gespräch zwischen dem "Koch", Fr. W. und dem Soviet. Die Klasse lauscht andächtig. Der Soviet wundert sich sehr darüber, unter welch lächerlichen Vorraussetzungen man in Deutschland einen Gesundheitspass erhält: während man in der UdSSR alle drei Monate seine Stuhlprobe abgeben musste, reicht bei uns die Ausfüllung eines Formulars ("Sind sie krank?" Ja/Nein/Vielleicht) und das Ansehen eines Lehrvideos über richtiges Händewaschen (Ehering abnehmen!) aus. Nachdem die beiden Kolleginnen des Soviet selbstgemachtes russisches Gebäck verteilen und Fr. W. noch ein wenig über Spezialsuppen spricht vertieft sich die Diskussion in Richtung Esskultur und Systemgastronomie. Während heute in den Küchen vorgebratenes Pseudofleisch in der Mikrowelle erhitzt und dann serviert wurd, hat man in der UdSSR noch mit den exakt rationierten Rohstoffen gearbeitet. Jede Faser des Tieres hat irgendwie Verwendung gefunden, es war ein anspruchsvolles Handwerk. Heute essen die Leute nur noch Müll, woraus der muskulöse und kernige Soviet auch (vmtl. anhand des reichlichen Anschauungsmaterial im Raume) herleitet, warum die Menschen heute alle genauso krank sind wie sie aussehen.
Der urdeutsche "Koch" pflichtet ihm bei, die Lehrlinge in den Küchen lernen inzwischen alles nur noch anhand irgendwelcher Automaten und schauen in den staatlichen Prüfungen dann sehr dumm aus der Wäsche, wo sie zum ersten Mal selbst kochen müssen. Sogar von Bratkartoffeln aus aufgeweichten Kartoffelchips weiß er zu berichten.
Demnach gibt es auch (gerade für den Russen, welcher schon oft den Arbeitgeber in Deutschland wechselte) gar keine attraktiven Arbeitsplätze mehr, weil niemand mehr richtige Köche bezahlen kann oder möchte. "Jetzt stehen nur noch Studenten in den Küchen und drücken aufs Knöpfchen."

Ich urteile, dass da nur noch die Neugründung eines eigenes Restaurant übrig bliebe. Er lächelt freundlich und lehnt ab. Er hat zwar Frau und Kinder aber keine Verbündeten und ist auch schon zu alt (ca. 50 Jahr). Er will nicht seine ganzen Ersparnisse auf den Kopf hauen um nach zwei Jahren pleite zu gehen. Die allgegenwärtigen vietnamesischen, türkischen und italienischen Gaststätten seien doch auch nur Geldwäsche und würden ohne die jeweiligen mafiösen Strukturen niemals überleben.

Aber ich soll mir trotzdem meine Träume von Selbständigkeit erhalten, Träume sind süß und ich bin noch jung.

Dieses interessante und nachdenklich machende Gespräch wird jäh unterbrochen: Fr. W. soll ans Telefon kommen, es gibt Arbeit! Eine große Weihnachtsfeier für 120 realexistierende Gäste muss vorbereitet werden: Tafeln, Gedecke, Büffets, Garnituren und für jeden Gast eine Flasche Wein in Geschenktüte am Platze.
Die Begeisterung darüber hält sich ebenso in Grenzen wie der Willen Fr. W's, die diversen zu erledigenden Aufgaben effizient an ihr kleines Arbeitsheer zu delegieren.

Und das zurecht, denn wie ich am fünften Tag erfahren werde, sollte man es sich mit dem 'angry mob' nicht verscherzen.